Kafkas Frauen
Sexualität
 
                     
 
 

Neben Kafkas Vaterkomplex steht seine Einstellung zur Sexualität, obgleich beide nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Auch hier bestimmen Wiedersprüche und Ambivalenz seine Haltung. Nach Kafkas persönlicher Erfahrung wird Sexualität mit vielen Tabus belegt und Sexualität und Schmutz sind miteinander verknüpft.

Der Begriff der Ehe war ihm ein sehr hoher, doch sah er sich sein Leben lang außerstande, eine eheliche Verbindung einzugehen und mußte immer wieder vor dieser Aufgabe kapitulieren. Er mußte es als sein eigenes Versagen bewerten, daß er sich nicht zu entscheiden vermochte, weder zum klaren Verzicht auf geschlechtliches Miteinander, noch zur verantwortungsvollen Übernahme der damit verbundenen Pflichten. Immer wieder flüchtete er sich vor der mitmenschlichen Bindung in die Isolation seines Dichtertums.

Verfolgt man in seinen Werken die weiblichen Figuren, erkennt man ein eher negatives und einseitiges Frauenbild, das sehr stark auf das Geschlechtliche reduziert ist. Man findet keine ausgeprägten weiblichen Persönlichkeiten, sondern die Frau erscheint unter rein sexuellem Aspekt. Man begegnet in seinen Werken zwei Kategorien von Frauen: der Frau als Muttertyp mit einer liebevollen Zuneigung und einem naiven Unverstand und der erotisch verlockenden Frau.

Martin Walser wies ebenfalls auf diese Rollenhaftigkeit von Kafkas Frauengestalten hin: Nicht auf das Innere, sondern auf das, was anhaftet, auf die Funktion kommt es an. Die Frauen in Kafkas Werken haben also keine Eigenschaften, sondern nur Funktionen und deshalb erfahren sie keine seelischen Verwandlungen. Diese Darstellung verweist auf sein grundsätzlich negatives Verhältnis zum Geschlechtlichen.

In den Briefen an Milena hing für ihn das Abscheuliche und Schmutzige notwendig mit dem Sexualakt zusammen. Er erklärte in diesem Zusammenhang sogar, daß der Geschlechtsverkehr mit einem geliebten Menschen das Verlieren der Liebe bedeuten müsse [Sokel 1967: 293].

Elizabeth Boa untersucht Kafkas Verständnis von Sexualität ausgehend von seinen Werken [Boa 1994: 287]. Sie glaubt, erkannt zu haben, daß die Frauen Opfer männlicher Raubsucht sind und gleichzeitig erst den Trieb im Mann erwecken. Dieser Trieb drohe sie zu verschlingen und führe zwangsläufig zu einem Verlust von Macht und Kontrolle. Auf diese Weise schlägt die Sexualität die Männer doch in den Bann der Frauen, bis der trieb gestillt ist. Dies hat zur Folge, daß die Rollen von Sieger und Opfer im Geschlechterkampf austauschbar sind. Kafkas Werke stellen also nach Boa eine Krise der männlichen Identität dar.

Diese Konstruktiuon des Sexualtriebs, der fähig ist, die Persönlichkeit auszulöschen, deckt sich mit der Theorie Otto Weiningers, einem Zeitgenossen Kafkas. Dieser Antisemit und Frauenfeind sieht einen riesigen Gegensatz zwischen Geschlecht und Charakter. Weininger ist der Überzeugung, daß das Wesen der Weiblichkeit die Geschlechtlichkeit schlechthin sei, das männliche Wesen dagegen die Entfaltung der Persönlichkeit mittels der Befreiung vom Triebhaften. Dadurch sei jeder Mann der Frau überlegen, weil diese der triebhaften Weiblichkeit verhaftet bleibt. Im Unterschied dazu, kann sich der Mann durch sexuelle Askese aus der Geschlechtlichkeit befreien [Weininger 1903].

Das Motiv der Frau als schuldloses Opfer männlicher Raubgier erscheint bereits früh in Kafkas Korrespondenz mit Milena: Zwar leiden Männer vielleicht mehr, aber die Frauen leiden ohne Schuld [Born/Müller 1986: 10]. Da Kafka das Sexuelle einerseits als gemein und niedrig ansah, andererseits sich aber auch nicht frei davon machen konnte, waren seine Geschlechtsbeziehungen deutlich ambivalent. Kafka selbst beschrieb diesen Zustand wie folgt:

Mein Körper, oft jahrelang still, wurde dann wieder geschüttelt bis zum Nichtertragen-können von dieser Sehnsucht nach einer kleinen, nach einer ganz bestimmten Abscheulichkeit, nach etwas leicht Widerlichem, Peinlichen, Schmutzigen; noch in dem Besten, was es hier für mich gab, war etwas davon, irgendein kleiner, schlechter Geruch, etwas Schwefel, etwas Hölle. Dieser Trieb hatte etwas vom ewigen Juden, sinnlos gezogen, sinnlos wandernd durch eine sinnlos schmutzige Welt [Patzer 1970: 124].

In einem Gespräch äußerte Kafka einmal auf ähnliche Weise: Der Weg zur Liebe führt immer durch Schmutz und Elend. In einem Tagebucheintrag tritt seine pessimistische Menschenauffassung klar vor Augen:

Bei einem gewissen Stande der Selbsterkenntnis und bei sonstigen für die Beobachtung günstigen Begleitumständen wird es regelmäßig geschehen müssen, daß man sich abscheulich findet...Man wird einsehen, daß man nichts anderes ist als ein Rattenloch elender Hintergedanken...Der Schmutz der Hintergedanken, den man finden wird, wird um seiner selbst willen da sein, man wird erkennen, daß man triefend von dieser Belastung auf die Welt gekommen ist...Dieser Schmutz wird der unterste Boden sein, den man finden wird, der unterste Boden wird nicht etwa Lava enthalten, sondern Schmutz. Er wird das Unterste und das Oberste sein und selbst Zweifel der Selbstbeobachtung werden bald so schwach und selbstgefällig werden wie das Schaukeln eines Schweins in der Jauche [Brod 1951: 462].

Kafkas negatives Menschen- und Selbstverständnis und sein damit in Verbindung stehendes Verhältnis zum Geschlechtlichen steht sicher stark mit seiner Erziehung und seiner persönlichen Veranlagung zusammen. Nach Bert Nagel gründet dieser tiefe Pessimismus in weit zurückliegenden moraltheologischen und philosophischen Traditionen und reflektiert auf diese Weise die problematische Entwicklung des Phänomens Sexualität in der Geschichte des Abendlandes [Nagel 1974: 62]. Danach läßt sich Kafkas ambivalent pessimistische Haltung als Konsequenz der widernatürlich verlaufenden Kulturentwicklung begreifen. Die von der Kirche gelehrte und auch geforderte sexualfeindliche Einstellung ist zu tief ins Bewußtsein eingedrungen. Der entstandene Widerspruch Geist - Körper wirkt insgeheim im Sinne der Tabuisierung und Diffamierung des Geschlechtlichen weiter.

Im Hinblick auf Kafkas jüdische Abstammung ist festzuhalten, daß auch diese Religion ursprünglich die Sexualität als natürlich ansah und als Geschenk Gottes wertete. Doch durch die Gesetze des Talmuds verlor das Judentum seine positive Einstellung und die Freiheit der Lebensgestaltung. Die Gesetze verteufelten den Trieb zu etwas Unreinem und Sündhaftem. Beide Aspekte, der ursprünglich positive, dem Familie, Ehe und Vaterschaft als etwas Hohes galten, und der negative der moralischen Verwerfung des Geschlechtlichen, bestimmen Kafkas Leben. Sein Denken war stärker durch die jüdisch-christlichen Traditionen bestimmt als er ahnte.

Auch sein Frauenbild steht in diesem Zusammenhang. In männerdominierten Kulturen äußert sich die Ablehnung der Sexualität in der Verachtung des Weiblichen. Bereits Eva erscheint als die Verführerin, die Verderben bringt und die Frauenfeindschaft der Kirche bringt eine grundsätzliche Abwertung des Weiblichen und Geschlechtlichen zum Ausdruck. Ergebnis einer solchen Sexualethik, in der sinnliche Liebe durch Sündenbewußtsein getrübt wird, kann nur Selbstverachtung sein.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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