Brief an den Vater
Entstehung des Briefes
 
                     
 
  In der Pension Stüdl in Schelesen hatte Kafka sich ab 1918 von seiner Lungenkrankkeit erholt und dabei Julie Wohryzek kennengelernt, mit der er sich im Sommer 1919 verlobt hatte. Die für November geplante Hochzeit scheiterte jedoch, da das Paar keine Wohnung fand. Unmittelbar nach dieser mißlungenen Heirat ging Kafka zurück nach Schelesen. Hier verfaßte er zwischen dem 10. und 13. November 1919 seinen "Brief an den Vater".

Der Brief beginnt mit den Worten: "Du hast mich letzthin einmal gefragt, warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir." Offensichtlich war Kafka nicht in der Lage gewesen, dem Vater diese Frage mündlich und von Angesicht zu Angesicht zu beantworten, möchte sie aber gleichzeitig auch nicht unbeantwortet im Raume stehen lassen. Er entschließt sich also dazu, diese Frage des Vaters schriftlich zu beantworten - was nicht weiter verwunderlich ist, da Kafka sich erstens die schriftliche Form der Auseinandersetzung im Laufe der Jahre zu eigen gemacht hat, und da sie ihm zweitens als die sicherere, weniger Furcht einflößende, erscheint. Es drängt sich allerdings die Frage auf, ob diese Bemerkung des Vaters tatsächlich die einzige Ursache und ihre Kommentierung tatsächlich die einzige Motivation Kafkas darstellt, diesen Brief zu schreiben: nach einem Blick auf die Länge des Briefes von über hundert Seiten wird klar, daß dieser Brief kein gewöhnlicher, sondern vielmehr eine umfassende Darlegung Kafkas Sicht des Vaters und ihrer Beziehung ist. Die Eingangsbemerkung dient also nur als Einleitung zu dieser Darlegung.

Der Vorwand, mit diesem Brief eine Frage des Vaters zu beantworten, erfüllt noch einen weiteren Zweck. So verpflichtet sie den Vater viel stärker dazu, diesen Brief des Sohnes tatsächlich zu lesen, als es ein unverlangt gesendeter Brief tun würde; sie bindet also den Vater an die Lektüre und vermittelt dem Sohn und Verfasser die nicht unberechtigte Hoffnung, tatsächlich auf Gehör zu stoßen.

Wenn also offensichtlich ist, daß die Frage des Vaters nicht die eigentliche Motivation für Franz Kafka war, den Brief zu schreiben, muß nun nach den wahren Gründen gesucht werden. Im Verlauf des Briefes werden immer wieder Begebenheiten erwähnt, die dem Leser in Hinblick auf diese Überlegung hilfreich sein können: das generelle Desinteresse der Eltern im allgemeinen und des Vaters (der letztlich auch die Entscheidungen für die Mutter trifft) im besonderen an Kafkas Schreiben ("Richtiger trafst Du mit Deiner Abneigung mein Schreiben und was, Dir unbekannt, damit zusammenhing."); des weiteren wird die gescheiterte Beziehung zu Julie Wohryzek erwähnt; eine Beziehung, die - wie Kafkas Äußerungen verraten - vom Vater alles andere als unterstützt wurde. So schreibt er: "Faßt Du Dein Urteil über mich zusammen, so ergibt sich, daß Du mir zwar etwas geradezu Unanständiges oder Böses nicht vorwirfst (mit Ausnahme vielleicht meiner letzten Heiratsabsicht), aber Kälte, Fremdheit, Undankbarkeit." Insbesondere jedoch tauchen immer wieder Indizien auf, die dafür sprechen, wie erfolglos und trotzdem unermüdlich Franz Kafkas Versuche waren, den Ansprüchen des Vaters zu genügen und Stolz und Anerkennung von ihm zu ernten.

Der "Brief an den Vater" gelangte vermutlich niemals in die Hände von Hermann Kafka. Max Brod, bester Freund Kafkas und sein Nachlaßverwalter, gibt an, daß der Brief zur Übergabe an den Vater durch die Mutter bestimmt war. Diesen Weg scheint er aber nie genommen zu haben, da er in Kafkas Nachlaß gefunden wurde. In seinem 'Kafka-Kommentar' analysiert Binder, "daß Kafka die Endredaktion gar nicht beendete, den Brief also niemals seiner Mutter zur Weitervermittlung übergeben haben kann. (Es ist allerdings denkbar, daß sie Teile daraus las und ihrem Sohn abriet, das Schreiben dem Vater zu überreichen)." [Binder 1976: 426]

Warum also, so stellt sich die Frage, schreibt Kafka einen über einhundertseitigen Brief an seinen Vater, nur um diesen dann doch nicht zu übergeben? Selbstverständlich lassen sich auch hier nur Vermutungen anstellen, jedoch scheint die Darstellung Franz Kafkas Lebenssituation und seiner Probleme so detailliert und anschaulich, daß er möglicherweise befürchtet haben könnte, sich damit dem Vater auszuliefern und eine noch viel größere und einfacher zu treffende Zielscheibe darzustellen. Der Grund für das Verwerfen des Briefes wäre also in dem Wunsch zu suchen, sich selbst zu schützen. Auf diese Problematik soll bei einer genaueren Analyse des Briefes erneut eingegangen werden.

Es schien Dir etwa so zu sein: Du hast Dein ganzes Leben lang schwer gearbeitet, alles für Deine Kinder, vor allem für mich geopfert, ich habe infolgedessen »in Saus und Braus« gelebt, habe vollständige Freiheit gehabt zu lernen was ich wollte, habe keinen Anlaß zu Nahrungssorgen, also zu Sorgen überhaupt gehabt; [...] statt dessen habe ich mich seit jeher vor Dir verkrochen, in mein Zimmer, zu Büchern, zu verrückten Freunden, zu überspannten Ideen; offen gesprochen habe ich mit Dir niemals, [...]

(Brief an den Vater)

Franz Kafka, Brief an den Vater
 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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