Prager deutsche Autoren
Hans Klaus
 
                     
 
 

* 20.9.1901 Prag
+ 3.10.1985 London

Familiärer Hintergrund und Kindheit
Schulzeit: erste Schreibversuche
Studium: Dichterabende, Veröffentlichungen
Beruf und erneute literarische ProduktionVerweis auf Dokumente
Emigration nach England
Werke
Weiterführende Literatur

Familiärer Hintergrund und Kindheit

Klaus, der bedeutendste Vertreter der Gruppe Protest wurde am 20.9.1901 im Prager Vorort Karolinenthal als Sohn von Simon (1863-1941) und Johanna Klaus, geb. Weltsch (1867-1942) geboren. Mütterlicherseits entstammte Klaus einer alten, in der jüdischen Gemeinde sehr angesehenen und gebildeten Tuchhändlerfamilie, den Weltschs, durch die Klaus in seinen künstlerischen, insbesondere literarischen Bestrebungen sehr gefördert worden ist. Eine größere Rolle in der Beeinflussung von Klaus zur Literatur hin spielte jedoch sein Vater, der - in armen Verhältnissen aufgewachsen - früh Geld verdienen mußte, seine Bildung durch nächtliches Lesen der Philosophen (Schopenhauer, Platon etc.) erwarb und alles daran setzte, seinen Kindern eine bessere Ausbildung zukommen zu lassen.

Die nicht nur materiell einengenden Verhältnisse seiner Kindheit und die frühen Einblicke in das Leben der Prager unteren Mittelschicht verarbeitete Klaus früh in seinen literarischen Arbeiten. Insbesondere die in der schlechten Wohnlage seines Elternhauses übliche Lärmhölle aus Straßenverkehr, Eisenbahn und Industrie sowie der Ekel vor dem religiösen Kitsch, der das deutsch-jüdisch erzogene aber von einem tschechisch-katholischen Kindermädchen betreute Kind sowohl im jüdischen Elternhaus als auch in der katholischen Umwelt umgab, fanden Niederschlag in seinen frühen Gedichten [vgl. dazu ein längeres Zitat von Klaus in Binder 1991: 110, 112, 115]. Ähnlich wie Kafka schien Klaus einen allgemeinen Traditionsverfall des deutschjüdischen Mittelstandes Prags zu beobachten, der früh dazu führte, daß ihm religiöse Fragestellungen ihm nach unbefriedigenden Besuchen sowohl von Kirchen als auch von Synagogen tout egal geworden sind [Hans Klaus, zit. nach Binder 1991: 115].

Schulzeit: erste Schreibversuche

Von 1907-1911 besuchte Klaus die Deutsche Knabenvolksschule in Prag-Karolinenthal, dann ab 1911 zusammen mit Rudolf Altschul die K. u. K. deutsche Staatsrealschule in Prag-Karolinenthal, die auch von wohlhabendem Bürgertum dem humanistischen Gymnasium häufig vorgezogen wurde, da dort statt des Lateinischen und Griechischen die im Handel und Ausland relevantere französische und englische Sprache gelehrt wurden. So kamen die Klassenkameraden von Klaus durchweg aus höheren sozialen Schichten als Altschul und Klaus, die beide als sehr gute Schüler bekannt waren. Entsprechend der relativ hohen und nach Beginn des ersten Weltkrieges überragenden Bedeutung, die im damaligen Prag den literarischen Vorbringungen von Schülern beigemessen wurde, wurde Klaus zu schriftstellerischen Arbeiten schon in der Schulzeit ermutigt [Vgl. dazu die allgemeinen Informationen zur Gruppe Protest]. Insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg und der frühe Tod eines in die Armee eingezogenen Bruders und einiger Klassenkameraden, sowie die Hinwendung eines älteren Bruders zum Sozialismus schlugen sich in seinen ersten Arbeiten nieder (Klaus selbst ist im Sommer 1918 gemustert und für untauglich erklärt worden), die in der Schülerzeitung veröffentlicht und auf Festabenden vorgestellt wurden. Zudem machte Klaus während der Schulzeit erste Erfahrungen mit Antisemitismus jeglicher Art, etwa dem Vorwurf der Ritualmordanklage. Auch dies beeinflußte sein späteres Werk.

Studium: Dichterabende, Veröffentlichungen

Mit den Wintersemester 1918/19 nahm Klaus das Studium der Chemie an der Deutschen Technischen Hochschule auf, wo er schwere Übergriffe tschechischer Studenten und nationalistischer Sokol-Organisationen erlebte und unter aufgrund des Krieges ohnehin erschwerten, weil verarmten Bedingungen studieren mußte (sehr schlechter Zustand der Gebäude, Ungewißheit über die Zukunft der deutschen Universität nach Gründung der Tschechoslowakei, etc.). Wie seine Freunde Konstantin Ahne und Rudolf Altschul besuchte auch Klaus neben seinem eigentlichen Studienfach Veranstaltungen der philosophischen Fakultät, so etwa zu Goethe und zur Kunst- und französischen Literaturgeschichte. Abschluß seines Studiums am 27.9.1923 mit sehr guten und guten Leistungen.

Die Studienzeit war zugleich mit vermehrtem Auftreten der sich formierenden Gruppe Protest in der Öffentlichkeit verbunden: Am 20.3.1919 wurden auf einem recht erfolgreichen Dichterabend in den Räumen des Klubs deutscher Künstlerinnen Arbeiten von Altschul und Klaus vorgetragen. Bald folgten erste Veröffentlichungen u.a. im Prager Tageblatt nach.

Die Gedichte, die in dieser Zeit entstanden, thematisierten beispielsweise den eisigen Weg durch menschenverlassene Gassen zum Friedhof, ein Krankenhausmilieu und die allgegenwärtige nächtliche Angst von Klaus. Neben dieser im Avalun veröffentlichten Lyrik, die v.a. von religiösen Fragestellungen bestimmt und vom Expressionismus formal nicht beeinflußt war, arbeitete Klaus 1921 an einem formal stark vom Expressionismus geprägten, fragmentgebliebenen dramatischen Werk, dem Zerebrastes [vgl. zu Inhalt und Form Binder 1991: 198-206]. Die im August 1921 veröffentlichten fünf Szenen weisen starke Einflüsse Strindbergs (Wiedergabe der Gefühle und Phantasien des inneren Lebens), der Revolutionsstücke Carl Julius Haidvogels und des in Prag begeistert aufgenommenen Dramas Tanja von Ernst Weiß auf. Inhaltlich läßt sich eine starke Abhängigkeit von Georg Kaisers Revolutionsdrama Gas II beobachten. Zerebrastes gilt nach Thematik und Formgebung, als der radikalste Text, der von einem der Vertreter der Gruppe Protest je geschrieben worden ist (vgl. Binder). Ein Vergleich mit dem im Pfad erschienenen Fragment vom Herbst 1919 macht die (formale und inhaltliche) Radikalisierung der Gruppe Protest im Laufe des Jahres 1920 deutlich, die aufgrund besonderer sozialer und historischer Rahmenbedingungen erfolgte [vgl. dazu Informationen zur Gruppe Protest].

Beruf und erneute literarische Produktion

Nach dem Abschluß seines Chemiestudiums 1923 wurde Klaus aufgrund der Wirtschaftskrise vorübergehend arbeitslos, fand dann aber ab März 1924 eine Anstellung als Assistent in einer Erdölraffinerie in Pardubitz. Gleichzeitig journalistische Arbeiten (Buchkritiken, Berichte zur Prager Literaturszene) etwa für das 8 Uhr-Abendblatt oder das Hamburger Fremdenblatt, um zusätzlich Geld zu verdienen. Mit der Annahme einer Stellung als Chemiker in einem pharmazeutischen Werk in Prag kam sein literarisches Schaffen allerdings vorerst zum Erliegen, bevor 1926 eine neue, ungefähr 5-jährige produktive, von zahlreichen Veröffentlichungen begleitete Phase einsetzte: Veröffentlichung von Gedichten im Prager Tageblatt, in der Prager Presse, in der von Mühlberger herausgegebenen Zeitschrift Witiko sowie in der Anthologie Deutsche Lyrik aus der Tschechoslowakei, die 1931 von Otto Pick herausgegeben wurde; Vorstellung seiner Werke auf einer literarischen Matinee im März 1928, die von Pick recht gut besprochen wurde [vgl. dazu Binder 1991: 209].

In dieser Zeit entstanden die zwei Bühnenstücke, für die Klaus erst wirklich bekannt geworden ist, die aber gleichzeitig sehr umstritten waren: Erstens das Kammerspiel Bürgerliche Tragödie (uraufgeführt am 29.3.1928 auf der Kleinen Bühne) und zweitens das Stück Satanas obenauf (uraufgeführt in der Kleinen Bühne am 5.12.1929).

In ihnen formulierte Klaus unter anderem seine Kritik an der Arbeitsteiligkeit der modernen Industriegesellschaft, die den Menschen seiner Menschlichkeit entkleide:

Heute- du siehst die Leichen: Invaliden,Verhungerte, Tuberkulose, Verkümmerte, Verbrecher. Der Schuldige aber ist nicht zu finden. Denn man hat Aktiengesellschaften gegründet, in denen der Mord so unheimlich aufgeteilt wird, daß sich der einzelne Aktionär schuldlos fühlen darf.
[Hans Klaus, zit. nach Binder 1991: 211]. Satanas obenauf hob zudem die Verantwortlichkeit des einzelnen für sein Leben hervor und wies auf Klaus Hoffnung hin, nach der freiwilligen Buße für seine Fehler, ein neüs, idealeres, weil unbedingteres Leben beginnen zu können. Zudem griff er seine Arbeitslosigkeit nach dem Ende seines Studiums, die Probleme der Wohngemeinschaft mit seiner Mutter in der engen Wohnung (insbesondere die zwischen seiner Verlobten und seiner Mutter in jener Zeit bestanden) und seine beengte finanzielle Lage thematisch auf.

Zwischen 1928 und 1932 schrieb Klaus Filmkritiken, Buchrezensionen, Berichte über kulturelle Veranstaltungen sowie einige satirische Stücke für die Prager Zeitschrift Die Wahrheit. Sein eh schon starkes Interesse an religiösen und jüdischen Fragestellungen wurde durch die ihm in der Zeitungsredaktion zukommenden Aufgaben entfacht und verdichtete sich 1931 in einem verloren gegangenen Roman, der um die Gestalt des alttestamentlichen Propheten Hosea kreiste und in Teilen in der Wahrheit veröffentlicht worden ist.

Ebenfalls in der Wahrheit erschien zwischen dem Januar und dem Mai des Jahres 1930 in Fortsetzungen Die Verklärung des Dr. Schourek [Vgl. zu Inhalt Binder 1991: 219-225], das umfangreichste, erhaltene Prosawerk, das Binder unter die eindrucksvollsten Leistungen der Prager deutschen Literatur zählt: Es handelt vom plötzlichen Niedergang eines angesehenen Arztes aufgrund einer ihm von einem Fremden unbegründet zugefügten Verletzung, die mit der Scheidung seitens seiner Frau und seiner Einsamkeit im Greisenasyl endet und thematisiert folglich den tragischen Fall einer angesehenen Persönlichkeit ins gesellschaftliche Aus. Wie bei Gustav Meyrink greifen unbegreifliche Mächte (i.e. der Fremde) unvermittelt und unbegründet ins alltägliche Leben ein, um dieses zu zerstören. Allerdings bleiben die Ereignisse bei Klaus im Gegensatz zu Meyrinks Erzählungen immer auf dem Boden des empirisch möglichen.

Emigration nach England

Schon nach dem Münchener Abkommen beantragte Klaus, der inzwischen arbeitslos und von seiner Frau geschieden lebte, mehrere Visa für südamerikanische Staaten sowie die USA. Doch noch vor Erteilung der Visa erfolgte die Besetzung Prags durch deutsche Truppen im März 1939. So floh Klaus am 12.4.39 über Polen, wo er Verwandte hatte, nach England (Niederschlag fand diese Fluch im Gedicht Nachtwache [Text bei Binder 1991: 229], das er am 15.5.1939 betrat. Nach vorübergehendem Aufenthalt in London wurde Klaus vom von der britischen Regierung gegründeten Czech Trust Fund in einen kleinen Ort an der Südostküste geschickt, wo er in der Unterrichtung der Kinder tschechischer Emigranten in Biologie eine neue Aufgabe fand. Im in jener Zeit entstandenen Gedicht Inventur, Dezember 1939 hielt er die dürftigen Verhältnisse, in denen er damals lebte, fest. Neben seiner Arbeit ist der Besuch von Matrosenkneipen und Tanzdielen für Klaus belegt, in denen er sich durch Malerei (v.a. als Porträtist und Karikaturist) zusätzlich etwas Geld verdiente.

1940 mußte Klaus aufgrund der englischen Angst vor einer deutschen Invasion wie alle Fremden den gefährdeten Küstenbereich verlassen: Er siedelte nach Redbourne über, bis er nach vorübergehender Tätikeit als Gärtner des dortigen Flüchtlichgsheimes eine Anstellung als Nahrungsmittelchemiker in London fand. 1952 Ernennung zum Associate des Royal Institute of Chemistry, 1956 nach mündlichen Prüfungen Ernennung zum Fellow desselben Instituts. Bis zum Ruhestand 1968 Arbeit an verschienenen Londoner Lebensmittelfabriken als Chefchemiker. Klaus verstarb am 3.10.1985 in London.

Werke

  • Gedichte
    • Nachtwache, 1939
    • Inventur, Dezember 1939, 1939
  • Dramen/Bühnenstücke
    • Bürgerliche Tragödie (uraufgeführt am 29.3.1928 auf der Kleinen Bühne)
    • Satanas obenauf (uraufgeführt in der Kleinen Bühne am 5.12.1929).
    • Zerebrastes, 1921 (Fragment)
  • Prosa
    • Die Verklärung des Dr. Schourek, 1930

Weiterführende Literatur

  • Binder, Hartmut (Hrsg.): Prager Profile. Vergessene Autoren im Schatten Kafkas. Berlin 1991.
  • Brod, Max: Der Prager Kreis, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1966.
  • Prager deutschsprachige Literatur zur Zeit Kafkas. Hg. v. der Österreich. Franz Kafka- Gesellschaft. Wien-Klosterneuburg 1989.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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