Religiöse Strömungen
Christentum
 
                     
 
  Die Rolle der Religion in der Gestaltung des sozialen Lebens wurde nicht allein durch die zu Materialismus und Agnostizismus tendierenden Richtungen des Zeitgeistes und die antiklerikale Komponente des kontinentalen Liberalismus erschwert und begrenzt, auch die gesellschaftlichen Wandlungen warfen für die Kirchen neue Probleme auf. Die überkommene Praxis religiöser Betätigung wurde durch die Lösung weiter Schichten von ihren früheren Lebensgewohnheiten als Folge von Orts- und Berufswechsel weitgehend erschüttert. Die Organisation der Kirchen wurde den Menschenmengen in den Städten nicht mehr gerecht, so daß - wenigstens in Europa - erstmals Anzeichen sichtbar wurden für den auch öffentlich vollzogenen Bruch mit dem Christentum.

Die Enzyklika Rerum novarum (1891) über die Arbeiterfrage verwarf sowohl das liberale wie das sozialistische Gesellschaftsmodell, proklamierte das Recht des Menschen auf Privateigentum und Koalitionsfreiheit und verlangte von Staat und Gesellschaft Hilfe für den dem wirtschaftlich Stärkeren schutzlos ausgelieferten Arbeiter. Um die Jahrhundertwende führte der nicht ausgeglichene Gegensatz der traditionellen Kirchenlehre zu herrschenden Meinungen der Zeit zu einer Krise der theologischen Wissenschaft. Eine Reihe von Theologen neigte dazu, von historischer Bibelkritik und aktueller Philosophie ausgehend, die Glaubensinhalte "durch Opferung des Buchstabens zugunsten des Geistes" mit der Geisteshaltung der Zeitgenossen zu vereinbaren. Papst Pius X. verurteilte 1907 eine Reihe dieser "modernistischen" Lehrmeinungen und gebot mit einem vom Klerus verlangten Eid dem "Modernismus" innerhalb der katholischen Kirche Einhalt.

Stärker als die katholische Kirche wurden die evangelischen von den Wirkungen berührt, welche die aktuellen geistigen Strömungen auf die Theologie ausübten. In der "Liberalen Theologie" fanden sich verschiedene Richtungen vereinigt, die in der Tradition Hegels das Christentum als den Höhepunkt eines religionsgeschichtlichen Entwicklungsprozesses betrachteten oder, von der Leben-Jesu-Forschung ausgehend, Anspruch und Lehre des Christentums auf einen präsumptiven Kernbestand zurückführen wollten und damit die überlieferten Formen christlichen Glaubens und christlicher Frömmigkeit in Frage stellten.

Gemeinsam war den Kirchen die neue Aktivität auf dem Gebiet der sozialen Politik. Folgenreich für den weiteren Gang der Kirchengeschichte wurde die interkonfessionale Zusammenarbeit der nichtkatholischen Kirchen, die wesentlich durch die Arbeit in den Missionen gefördert wurde. Die östlichen Kirchen blieben von diesen Bewegungen noch weitgehend unberührt.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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