Genealogie
Eltern
Hermann Kafka
 
                     
 
 

Hermann Kafka Geboren 1852, gestorben 1931.

Nach seinem Tod vermerkt seine Frau Julie Löwy in ihrem kurzen Familienüberblick: "Mein theuerer verstorbener Mann stammte aus Wossek bei Strakonitz. [...][Er] wurde als 14jähriger Knabe in die Fremde geschickt und muste sich selbst ernähren. Er wurde im zwanzigsten Jahr Soldat und hat es biß zum Zugführer gebracht. In seinem dreißigsten Lebensjahre hat er mich geheiratet. Er hatte sich mit kleinen Geldmitteln etabliert und hatte es, da wir beide sehr fleiß waren, zu einem geachteten Namen gebracht." Aus einfachsten Verhältnissen in der tschechischen Provinz stammend, ist das Leben Hermann Kafkas geprägt von dem Streben nach wirtschaftlicher Sicherheit und gesellschaftlicher Anerkennung. Eher tschechisch- als deutschsprachig aufgezogen, gehört er ab etwa 1890 dem Vorstand der neugegründeten Synagoge in der Heinrichsgasse an, der ersten Prager Synagoge, in der tschechisch gepredigt wurde. Seinen Sohn Franz schickt er zur gleichen Zeit in eine deutsche Schule, wie seine Kinder allesamt ausschließlich deutsche Schulen besuchen.

Franz wirft seinem Vater vor, daß er "von religiösen Bedenken, wenn sie nicht mit gesellschaftlichen Bedenken sich sehr mischten, kaum erschüttert werden konnte". Dies hält er aber weniger für eine Eigenart seines Vaters, vielmehr schreibt er im "Brief an den Vater":

Das Ganze ist ja keine vereinzelte Erscheinung, ähnlich verhielt es sich bei einem großen Teil dieser jüdischen Übergangsgeneration, welche vom verhältnismäßig noch frommen Land in die Städte auswanderte [...]. Im Grund bestand der Dein Leben führende Glauben darin, daß Du an die unbedingte Richtigkeit der Meinungen einer bestimmten jüdischen Gesellschaftsklasse glaubtest.

Das absolute Festhalten an der gesellschaftlichen Meinung als Richtschnur für sein Handeln (und das seiner Familie!) ist es, weshalb er der literarischen Arbeit seines Sohnes kein Verständnis entgegen bringen kann. Hermann Kafkas starker Wille leitet seinen Sohn in das Jura-Studium, das er durch die Wahl jenes humanistischen Staatsgymnasiums, aus dem die k. k. Monarchie ihre Beamtenschaft zu rekrutieren pflegt, vorbereitet hat. Er selbst verzeichnet stolz 1907 im Prager Adreßbuch neben seiner Berufsbezeichnung Händler: "Vereidigter Sachverständiger bei Gericht".

In der Familie ist Hermann Kafka tonangebend. Nicht nur seine Frau, auch seine beiden älteren Töchter Gabriele und Valerie unterwerfen sich seinen Zielen und der Kraft und dem Jähzorn, mit denen sie verfolgt werden. Nur der jüngsten Tochter Ottilie gelingt es, ihre eigenen Vorstellungen in Bezug auf Ehe und Beruf durchzusetzen. So ist die Allianz zwischen ihr und Franz - den beiden "Verrückten" - nur zu normal. In einem Brief an sie bemerkt Franz treffend über die Einstellung des Vaters zu seinen Kindern:

[E]r kennt keine andere Erprobung, als die des Hungers, der Geldsorgen und vielleicht noch der Krankheit, erkennt, daß wir die ersteren, die zweifellos stark sind, noch nicht bestanden haben und leitet daraus das Recht ab, jedes freie Wort uns zu verbieten.
 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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