Kafkas Frauen
Einstellung zur Heirat
 
                     
 
 

Erniedrigungen durch den Vater

Einer der Höhepunkte an Erniedrigungen und Verletzungen durch den Vater wird sicherlich dessen Kommentar gewesen sein, als Kafka ihm seine Verlobung mit Julie mitteilte:

Sie hat wahrscheinlich irgendeine ausgesuchte Bluse angezogen...und daraufhin hast Du Dich natürlich entschlossen, sie zu heiraten. [...] Gibt es da keine anderen Möglichkeiten? Wenn Du Dich davor fürchtest, werde ich selbst mit Dir hingehn (Brief an den Vater).

Indem der Vater ihm nahelegte, ein Bordell zu besuchen, statt sich mit einer Beliebigen zu verloben, entlarvt er seine bürgerliche Doppelmoral. Daß Kafka ein gespaltenes Verhältnis zu Sexualität und Ehe hatte, verwundert danach nicht mehr. Die Gründe für das Mißlingen persönlicher Bindungen Kafkas zu Frauen sind nur schwer zu durchschauen. Er befand sich in einem ständigen Widerstreit zwischen extremer Berührungs- und Bindungsängste und der Geborgenheit einer Partnerschaft, bzw. Familie.

Moralverständnis

Ehe und Familie erschienen ihm als höchstes anzustrebendes Gut, und die elterliche Ehe erschien ihm als vorbildlich. Sie stellte für ihn die Möglichkeit der schärfsten Selbstbefreiung und Unabhängigkeit (Brief an den Vater), der Ebenbürtigkeit mit dem Vater dar. Doch durch die vom Vater ausgelösten Minderwertigkeitsgefühle und Selbstzweifel glaubte er nicht daran, selbst die Rolle des Ehemannes oder Familienvaters übernehmen zu können. Auf der anderen Seite fürchtete er die Verpflichtungen und Bindungen der Ehe.

Kafkas Schriftstellertum als Gegenpol zur Ehe

Ihm war das Schreiben wichtiger als alles andere und seine schriftstellerische Tätigkeit wäre einem Eheleben kaum zuträglich gewesen. Diesen Lebensstil wollte er wegen einer Frau nicht aufgeben. Er schien zu befürchten, daß eine Bindung ihn aus seiner Isolation, in die er sich getrieben sah und in die er selber flüchtete, herausführen könnte. Viele Tagebucheinträge und Briefpassagen zeigen eine weitere Einstellung zur Ehe. So schrieb er an Grete Bloch: Wenn ich mir Ekel erregen will, brauche ich mir nur vorzustellen, daß ich einer Frau den Arm um die Hüfte lege.

Reaktion auf die Heirat seines Freundes Max Brod

Die Heirat Max Brods kam Kafka vor wie ein Verrat, ihm war, als habe er einen Freund verloren, denn ein Verheirateter ist keiner. Was man ihm sagt, erfährt stillschweigend oder ausdrücklich auch seine Frau, und es gibt vielleicht keine Frau, in deren Kopf sich bei diesem Übergang nicht alles verzerrte.

Auf seiner Reise im Herbst 1913 kam er durch Venedig und beobachtete voller Ekel und Entsetzen die vielen Hochzeitspaare [Born/Müller 1983: 472]. In einem späten Brief an Milena schrieb er über Ehen, die aus Verzweiflung geschlossen werden:

Wenn man Verlassenheit in Verlassenheit legt, entsteht daraus niemals eine Heimat...wenn man eine Verlassenheit zu einer Sicherheit legt, wird es für die Verlassenheit noch viel schlimmer.

Die erste Erkenntnis las er an den Ehen ab, die seine Freunde geschlossen hatten, die zweite entsprach seinem Verhältnis zu Felice.

Angst vor Verantwortung

Hartmut Binder sieht in Kafkas Zurückschrecken vor der Ehe seine Angst vor Nachkommen [Binder 1979: 53] . Er scheut sich vor der Vereinigung mit dem anderen und es tritt eine Angst vor den Folgen einer solchen Geschlechtsgemeinschaft auf, also vor möglichen Nachkommen. Ursache für diese Angst ist die Unfähigkeit, mit der eigenen Identität umzugehen. In einem Brief teilte Kafka Felice diese Sorgen mit und schrieb über seine Angst vor der Verbindung selbst mit dem geliebtesten Menschen, und gerade mit ihm. In einem wenige Tage jüngeren Tagebucheintrag versuchte Kafka das Für und Wieder einer Ehe abzuwägen: Die Angst vor der Verbindung, dem Hinüberfließen. Dann bin ich nicht mehr allein...dem Wagnis, Vater zu sein, würde ich mich niemals aussetzen dürfen.

Anzeichen von Homosexualität

Günther Mecke glaubt erkannt zu haben, daß sich Kafka der wissenschaftlichen Kryptographie bediente, um mit dieser Geheimsprache sein Geständnis gestalten zu können [Mecke 1982: 7ff]. Mecke ist überzeugt, daß Kafka schreibender Homosexueller war und seine Texte nur decodiert werden müssen, um ihn zu verstehen. Kafka befand sich, seiner Ansicht nach, zeitlebens in einer Krise, da er nicht offen zu seiner Neigung stehen konnte und eine Heirat oder gar ein sexuelles Zusammensein mit einer Frau unmöglich gewesen wäre. So habe Kafka beispielsweise die Unmöglichkeit, homosexuelle Neigungen und Ehe miteinander zu vereinbaren, in seinen "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande" verschlüsselt gestaltet. Er mutmaßt, daß Franz Kafka mit 14 oder 15 Jahren homosexuell vergewaltigt wurde, da in seinen Werken überall Wunden auftauchen. Daneben glaubt Mecke, in fast allen Figuren in Kafkas Werken homophile Tendenzen zu erkennen. "Gesetz" versteht er als Kafkas Chiffre für die heterosexuelle Liebe und besonders die Vaterschaft und die Ehe. Ansatzweise sind diese Überlegungen durchaus berechtigt, doch sind Günther Meckes herangezogene Beispiele und Vergleiche kaum nachvollziehbar und äußerst fragwürdig.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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