1920
Brief an Milena Jesenská
 
                     
 
 

[An Milena Jesenská]

[Meran, April 1920]

Also die Lunge. Den ganzen Tag habe ich es im Kopf herumgedreht, ich konnte an nichts anderes denken. Nicht daß ich über die Krankheit besonders erschrocken wäre, wahrscheinlich und hoffentlich - Ihre Andeutungen scheinen dafür zu sprechen - tritt sie bei Ihnen zart auf und selbst wirkliche Lungenkrankheit (mehr oder minder fehlerhafte Lungen hat halb Westeuropa), die ich an mir seit 3 Jahren kenne, hat mir mehr Gutes als Schlimmes gebracht. Vor etwa 3 Jahren begann es bei mir mitten in der Nacht mit einem Blutsturz. Ich stand auf, angeregt wie man durch alles neue ist (statt liegen zu bleiben, wie ich es später als Vorschrift erfuhr), natürlich auch etwas erschreckt, gieng zum Fenster, lehnte mich hinaus, gieng zum Waschtisch, gieng im Zimmer herum, setzte mich auf's Bett - immerfort Blut. Dabei aber war ich gar nicht unglücklich, denn ich wußte allmählich aus einem bestimmten Grunde, daß ich nach 3, 4 fast schlaflosen Jahren, vorausgesetzt daß die Blutung aufhört, zum erstenmal schlafen werde. Es hörte auch auf (kam auch seitdem nicht wieder) und ich schlief den Rest der Nacht. Am Morgen kam zwar die Bedienerin (ich hatte damals eine Wohnung im Schönborn-Palais), ein gutes, fast aufopferndes, aber äußerst sachliches Mädchen, sah das Blut und sagte: "Pane doktore, s Vámi to dlouho nepotrvá." Aber mir war besser als sonst, ich gieng ins Bureau und erst nachmittag zum Arzt. Die weitere Geschichte ist hier gleichgiltig. Ich wollte nur sagen: Nicht Ihre Krankheit hat mich erschreckt, (zumal ich immerfort mir dazwischenfahre, an der Erinnerung herumarbeite, das fast Bäuerisch-Frische durch alle Zartheit erkenne und feststelle: nein, Sie sind nicht krank, eine Mahnung aber keine Krankheit der Lunge), nicht das also hat mich erschreckt, aber der Gedanke an das, was dieser Störung hat vorhergehn müssen. Dabei schalte ich zunächst aus, was sonst in Ihrem Briefe steht wie: keinen Heller - Tee und Apfel - täglich von 2-8 - das sind Dinge, die ich nicht verstehen kann, offenbar kann man das wirklich nur mündlich erklären. Davon sehe ich also hier ab (nur im Brief allerdings, denn vergessen kann man das nicht) und denke nur an die Erklärung, die ich mir damals für die Erkrankung in meinem Fall zurechtlegte und die für viele Fälle paßt. Es war so, daß das Gehirn die ihm auferlegten Sorgen und Schmerzen nicht mehr ertragen konnte. Es sagte: "ich gebe es auf; ist hier aber noch jemand, dem an der Erhaltung des Ganzen etwas liegt, dann möge er mir etwas von meiner Last abnehmen und es wird noch ein Weilchen gehn." Da meldete sich die Lunge, viel zu verlieren hatte sie ja wohl nicht. Diese Verhandlungen zwischen Gehirn und Lunge, die ohne mein Wissen vor sich giengen, mögen schrecklich gewesen sein.

Und was werden Sie nun tun? Es ist ja wahrscheinlich ein Nichts, wenn man Sie ein wenig behütet. Daß man Sie aber ein wenig behüten muß, muß doch jeder einsehn, der Sie lieb hat, da muß doch alles andere schweigen. Also auch eine Erlösung hier? Ich sagte ja, - nein, ich will keine Späße machen, ich bin auch gar nicht lustig und werde es nicht früher, ehe Sie mir nicht geschrieben haben, wie Sie Ihre Lebensweise neu und gesunder einrichten. Warum Sie nicht ein wenig von Wien fortgehn, frage ich nach Ihrem letzten Brief nicht mehr, das verstehe ich jetzt, aber auch ganz nahe bei Wien gibt es doch schöne Aufenthalte und manche Möglichkeit für Sie zu sorgen. Ich schreibe heute von nichts anderem, es gibt nichts Wichtigeres, das ich vorzubringen habe. Alles andere morgen, auch den Dank für das Heft, das mich rührt und beschämt, traurig macht und freut. Nein, eines noch heute: Wenn Sie auch nur eine Minute Ihres Schlafes für Übersetzungsarbeit verwenden, so ist es so, wie wenn Sie mich verfluchen würden. Denn wenn es einmal zu einem Gericht kommt, wird man sich nicht in weitere Untersuchungen einlassen, sondern einfach feststellen: er hat sie um den Schlaf gebracht. Damit bin ich gerichtet und mit Recht. Ich kämpfe also für mich, wenn ich Sie bitte, das nicht mehr zu tun

Ihr FranzK .


Kafkas Unterschrift ist dem Faksimile-Schriftbild entsprechend wie "Ihr Frank" zu lesen. In dieser Form erscheint sie noch einige Male in den folgenden Briefen.

"Pane doktore, s Vámi to dlouho nepotrvá.": "Herr Doktor, mit Ihnen dauert's nicht mehr lange."

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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