Brief an den Vater
Realitätsanspruch
 
                     
 
  Bevor der "Brief an den Vater" detailliert untersucht werden kann, ist es zunächst notwendig, seine Wirklichkeitsnähe zu untersuchen. Das Maß seines Realitätsanspruches muß festgehalten werden, um ihn korrekt einzuordnen und aus dem beabsichtigen Blickwinkel zu analysieren. Es könnte sich bei diesem "Brief" ja durchaus um ein fiktionales Werk Kafkas handeln; um einen Brief, den ein nicht realer Sohn an einen nicht notwendigerweise realen Vater schreibt.

Gegen die Annahme eines solchen 'fiktionalen Charakters' spricht jedoch, daß die geschilderten Ereignisse mit Kafkas Leben weitgehend deckungsgleich sind. Neben der Figur des Vaters Hermann sind auch die anderen Personen, die im Verlauf des Briefes auftauchen, real und in Kafkas Leben existent, so wie sich auch die genannten Orte (beispielsweise sein Aufenthaltsort Schelesen, wo dieser Brief entstanden ist) mit seiner Lebensgeschichte vereinbaren lassen. Um zusätzliche Sicherheit zu erreichen, wäre es notwendig, sämtliche erwähnten Details auf ihre Wirklichkeitstreue hin zu untersuchen - ein solches Bemühen würde jedoch dieser Analyse eine wenig zweckmäßige Dimension verleihen. Der Brief wurde in Fachkreisen vielfach untersucht, und seine Authentizität kann als sicher gelten. So beschreibt beispielsweise Hartmut Binder in seinem "Kafka-Kommentar" verschiedene Briefe Kafkas an seine Schwester Ottla und Milena Jesenská, in denen der "Brief an den Vater" erwänt wird [Binder 1976: 423].

Bei der Analyse dieses "Brief an den Vater" ist es weiterhin notwendig, Kafkas Objektivität zu untersuchen; sowohl in seiner Beschreibung von Situationen und Umständen im Leben seiner Familie, als auch im Versuch, die Fakten beschreibt, die sein Leben oder das seiner Familie betreffen, sei es, wenn er die unterschiedlichen Wesenszüge der Familienmitglieder darzustellen. Gleichermaßen von Bedeutung ist seine Subjektivität, die vor allem dann auftaucht, wenn er die Beziehung zum Vater und dessen Einfluß auf sein Leben detaillierter analysiert. Es wird Hermann Kafka kaum daran gelegen gewesen sein, der Nachwelt seine Antwort auf den Brief seines Sohnes zu hinterlassen; tatsächlich hat Hermann Kafka den Brief nicht einmal erhalten, wodurch ihm auch die Möglichkeit versagt blieb, die Beziehung zu seinem Sohn aus seiner eigenen Sichtweise heraus darzustellen. Max Brod, einer von Kafkas engsten Freunden, berichtet in seiner Kafka-Biographie, daß die Mutter den Brief nicht, wie von Franz gewünscht, an den Vater weitergeleitet, sondern ihn Kafka mit beschwichtigenden Worten zurückgegeben hat. Binder dagegen bezweifelt sogar, daß die Mutter den vollständigen Brief überhaupt erhalten hat. [Binder 1976: 426]

Es bleibt die Möglichkeit, die Stimmen von Kafkas Umfeld auf ihr Bild von Hermann Kafka hin zu befragen, dies ist jedoch nur bis zu einem gewissen Grade möglich und außerdem nicht unbedingt repräsentativ, da das Verhalten von Hermann Kafka wie das eines jeden Menschen in nicht geringem Maße auch von seinem Gegenüber mitbestimmt wird. Es kann also davon ausgegangen werden, daß sich die familiäre Situation, ungeachtet ihrer objektiven Ausprägung, für Kafka tatsächlich so darstellte, wie er sie beschrieben hat, wenngleich viele Kritiker unter Berufung auf einen Brief an Milena die Meinung vertreten, "Kafka selber habe nicht viel von dessen Wahrheitsgehalt gehalten." [Binder 1976: 426] - eine Distanzierung, bei der es sich laut Binder jedoch um "adhoc vorgenommene Schutzbehauptungen handelt" [427]. Bei jeder weitergehenden Beschäftigung mit dem "Brief an den Vater" sollte man also sichergehen, ihn vor dem Hintergrund der Subjektivität zu durchleuchten.

Ich sage ja natürlich nicht, daß ich das, was ich bin, nur durch Deine Einwirkung geworden bin. Das wäre sehr übertrieben (und ich neige sogar zu dieser Übertreibung.) Es ist sehr leicht möglich, daß ich, selbst wenn ich ganz frei von Deinem Einfluß aufgewachsen wäre, doch kein Mensch nach Deinem Herzen hätte werden können. Ich wäre wahrscheinlich doch ein schwächlicher, ängstlicher, zögernder, unruhiger Mensch geworden, [...]

Franz Kafka, Brief an den Vater

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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