Rezeption im Kommunismus
Überblick
 
                     
 
 

Kaum ein anderer nicht mehr lebender Schriftsteller hat in der kommunistischen Welt für soviel Aufsehen gesorgt wie Franz Kafka. Von seinen Lesern, darunter vielen Oppositionellen und Literaturwissenschaftlern, wurde er verehrt, von Machthabern und Systemtreuen gefürchtet und mit Propaganda bekämpft. Kafka, der bei der Gründung des Warschauer Paktes 1955 schon mehr als 30 Jahre tot war, genoss in der kommunistischen Welt nach dem zweiten Weltkrieg einen Einfluß, den er zu Lebzeiten nie erahnt hätte.

Viele seiner Leser erkannten sich selbst und ihr Leben im Sozialismus in der Entfremdung Kafkas wieder. Kafka selbst jedoch hatte sich von der kapitalistischen Welt des Bürgertums entfremdet gefühlt [Rudnitzki 1993]. Worin bestand also im Werk Kafkas die Gefahr für den realen Sozialismus? Vergeblich versuchten Propagandisten und marxistische Literaturkritik, die Interpretation auf Parallelen zur Marxschen Entfremdung des Arbeiter von seiner Arbeit zu beschränken. Viele Menschen erlebten diese Entfremdung, die es im Kommunismus ja eigentlich nicht geben "durfte", Tag für Tag selbst. Laut Endre Kiss entlarvte Kafka nicht nur die Undurchschaubarkeit des realen Sozialismus, die Diskussion über sein Werk machte auch die Zensur des sozialistischen Realismus unmöglich [Kiss 1993].

Diese Seite soll einen Einblick in die Kulturpolitik des sozialistischen Realismus geben und einen chronologischen Überblick über die Rezeption und den Umgang mit den Werken Kafkas in den europäischen Ostblockstaaten und der Sowjetunion verschaffen. Ferner wird versucht, Interpretationsschemata nachzuzeichnen und daraus die Wirkung Franz Kafkas in der kommunistischen Welt zu begründen.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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