Vor dem Gesetz
Religiöse Motive
 
                     
 
 

Die sogenannte Türhüterlegende wird häufig als Ausdruck jüdischer Vorstellungen und Glaubensinhalte interpretiert (vgl. [Binder Kafka-Handbuch I. 1979: 491f.] und [Binder Kafka-Handbuch II. 1979: 799f.]).

So wird Kafka beispielsweise eine Orientierung an talmudischen und chassidischen Erzählungen nachgesagt (vgl. [Grözinger 1987: 93f., 209f.]). Oftmals wird der Inhalt seiner Texte auch in Anlehnung an das Gedankengut der Kabbala verstanden (vgl. [Binder Kafka-Handbuch II. 1979: 488f.]).

Die mystische Strömung der Kabbala begreift das Gesetz als so umfangreich, daß es dem menschlichen Zugriff entrückt und ebenso wie bei Kafka unerreichbar ist. Die Kabbalisten glauben an ein Reich des Bösen, vertreten durch die Herrscher der 7 Planetensphären. Diese versuchen eine Befreiung der menschlichen Seele zu verhindern. Wenn die Seele nach dem Tode eines Menschen in den Himmel gelangen soll, so muß sie diese Herrscher passieren. Ihr Reich wird, vergleichbar mit Kafkas Darstellung des Gesetzes, als Region mit vielen Pforten beschrieben, an deren Toren Wächter stehen, um den Eintritt Unwürdiger zu verhindern.

Sucht man nun als Interpret nach religiösen Elementen, so kann man die Türhüterlegende durchaus als unglaubliche Verdichtung religiöser Elemente und Motive verstehen. Bereits der Begriff der "Legende" bezeichnet ursprünglich Erzählformen religiösen Inhalts (vgl. [Metzler Literatur-Lexikon 1990: 261]). Die Legende wird Josef K. von einem Geistlichen im Dom erzählt. Der Dom als Schauplatz, der Geistliche und auch die anschließende Exegese erinnern jedoch zunächst eher an die Traditionen des Christentums. Der Begriff des Gesetzes wird vielfach als Darstellung und Symbol des Göttlichen oder als das Gesetz Gottes verstanden. Bezeichnungen wie Das Gesetz, Tor zum Gesetz; oder Glanz des Gesetzes, sind zudem gebräuchliche Metaphern für das jüdische Gesetz, die Tora (vgl. [Grözinger 1987: 215]). Als Sinnbild und Präsenz des Göttlichen erscheint zum Schluß ein "[...] Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht." [Kafka Proceß1914: 226]

Kafka schildert das Gesetz in Analogie zu traditionellen jüdischen Vorstellungen als Haus mit vielen Räumen, die nicht ohne Mühe durchschritten werden können. In den jüdischen Überlieferungen finden sich ebenso wie bei Kafka Wächter vor dem Eingang in das Gesetz.

Man könnte den Türhüter als einen Stellvertreter der Forderungen jüdischer Traditionen verstehen und in dem Mann vom Lande den orientierungslosen Juden der Kafka-Generation verkörpert sehen. Einen dem die Schriften des Gesetzes fremd geworden sind und dem somit der Zugang zum Gesetz verwehrt bleibt. Die Bezeichnung Mann vom Lande wird hebräisch mit Am-ha-res oder Am-ho-raz übersetzt. Die Bedeutung dieser Begriffe waren Kafka bekannt, er verwendet sie in seinen Tagebuchaufzeichnungen. Am-ho-raz ist der hebräische Ausdruck für einen ungebildeten Juden, also denjenigen, dem die Schriften des Gesetzes unbekannt sind. Im Gegensatz zum jüdischen Glauben, nachdem dem frommen Juden die Tür zum Gesetz jederzeit offen steht, schildert Kafka den Eingang in das Gesetz als ein zumindest bis zum Tode unüberwindbares Hindernis.

Das biographische Material, durch das religiöse Absichten und Zusammenhänge eindeutig belegt werden könnten, ist lückenhaft und unvollständig.

Wenige Jahre vor der Entstehung des Romans Der Proceß, im Jahre 1910, schließt Kafka Bekanntschaft mit dem Religionsphilosophen Martin Buber und beschäftigt sich, durch diesen inspiriert, mit jüdischer Literatur, u. a. auch mit den chassidischen Erzählungen. Angeregt durch sein Interesse an einer jüdischen Theatergruppe und seiner Freundschaft zu Jizchak Löwy, einem polnischen Schauspieler, im Jahre 1911, setzt sich Kafka intensiv mit seiner jüdischen Herkunft auseinander. Löwy vermittelt Kafka die Traditionen des Talmud und jüdische Riten. In den Jahren 1912 und 1913 lassen sich in Kafkas Tagebucheintragungen Aufzeichnungen über eine Auseinandersetzung mit den Bestrebungen des Zionismus finden, wobei er zunächst eine eher abwertende Haltung gegenüber dem Zionismus vertritt. Als Max Brod sich 1913 dem Zionismus zuwendet, kommt es zunächst zu einem Bruch in der Freundschaft. Kafka betitelt diese Lebensphase in seinem Tagebuch mit dem Begriff Antizionismus. In der Folgezeit wandelt sich jedoch seine negative Haltung, und so bezeichnet er den Zionismus in einer Tagebuchnotiz vom Januar 1914 bereits als Hoffnung. Ende des Jahres 1914 wird Prag, die Stadt in der Kafka lebt, von größeren Strömen ostjüdischer Flüchtlinge erreicht. Diese vergegenwärtigen ihm aufs neue seine jüdische Herkunft (vgl. [Binder Kafka-Handbuch I. 1979: 390f., 491f., 503f., 570f.], [Binder Kafka-Handbuch II. 1979: 503f.] und [Grözinger 1987: 113f., 148f.]).

Am 7. Januar 1915 veröffentlicht Kafka in der unabhängigen jüdischen Wochenschrift Selbstwehr die Legende Vor dem Gesetz. Es folgen weitere Beitrage zur Selbstwehr und Kafka beteiligt sich ebenfalls an dem Sammelband Das jüdische Prag. (vgl. [Binder Kafka-Handbuch I. 1979: 504f.] und [Binder Kafka-Handbuch II. 1979: 596f.]).

Mit Sicherheit läßt sich also feststellen, daß Kafka sich in den Jahren 1910-1915 eingehend mit seiner jüdischen Herkunft und der jüdischen Tradition auseinandergesetzt hat (vgl.[Grözinger 1987: 148]). Ihm wird durch Max Brod und andere Zeitgenossen entgegen mancher seiner Tagebucheintragungen durchaus auch jüdisches Volksbewußtsein bestätigt. Man beschreibt ihn als Vertreter einer nicht assimilatorisch orientierten nationaljüdischen Gesinnung.

Insgesamt muß man jedoch feststellen, daß ein eindeutiger Bezug von Kafkas Texten auf religiöse Inhalte eher unterstellt als biographisch nachweisbar ist.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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