Rezeption im Kommunismus
Interpretationsansätze
 
                     
 
 

Bei der Behandlung von Franz Kafkas Werk in der kommunistischen Welt fallen drei unterschiedliche Bewertungen und damit verbundene Vorgehensweisen ins Auge:

  1. Die Ablehnung Franz Kafkas als nicht dem sozialistischen Realismus entsprechend und das so begründete Verbot seiner Werke.
  2. Die Interpretation Kafkas als einen von der kapitalistischen Gesellschaft entfremdeten Menschen und Kritiker derselben sowie des Faschismus. Hiermit verbunden war der Hinweis darauf, daß Kafka somit für die sozialistische Welt ein historisches Phänomen darstelle und sein Werk für die breite Öffentlichkeit unverständlich bleiben müsse.
  3. Die Annahme, Franz Kafka habe voraussehend die Unmenschlichkeit des Kommunsismus kritisiert.
Diese drei Interpretationsschemata traten ebenso parallel auf wie sie eine Entwicklung markieren.

Der Stalinismus erkennt die Macht der Literatur an und will sie sich mit dem "sozialistischen Realismus" zu Nutzen machen, um das Volk im Interesse des Kommunismus zu beeinflussen. Ob die Lektüre von Kafkas Werk tatsächlich Nihilismus oder eine ängstliche und pessimistische Lebenseinstellung bewirkt, ist fraglich. Dennoch ist ihre Wirkung mit Sicherheit für die stalinistische Kulturpolitik unbrauchbar oder sogar gefährlich, insofern als daß Kafka in der Tat keinerlei positive Zukunftsperspektive erkennen läßt. Das Verbot seiner Werke war daher im Sinne des sozialistischen Realismus durchaus konsequent.

Das ideologische Fundament des zweiten Ansatzes, der zeitlich in die frühen sechziger Jahre einzuordnen ist, war weniger stabil. Während auf der Konferenz von Liblice versucht wurde, Kafka für die kommunistische Welt zu retten, versuchten die Stalinisten, die kommunistische Welt vor Kafka zu retten. Aufgrund des großen öffentlichen Druckes entschloß man sich aus Berechnung, Kafka zuzulassen: ein weiteres Verbot hätte noch größere Aufmerksamkeit bewirkt. Von der marxistischen Literaturkritik wurden die ersten Veröffentlichungen nicht nur an Universitäten und in Zeitungsaufsätzen, sondern auch in umfassenden Vor- und Nachworten begleitet. Diese schrieben dem Leser vor, wie er das Gelesene zu bewerten habe: Kafka sei ein von der kapitalistischen Welt entfremdeter Mensch und Kritiker derselben beziehungsweise des Faschismus gewesen. Dies stimmte mit der Einschätzung der frühen Kommunisten (vor Stalin) überein, die Kafka als Gesellschaftskritiker sahen. Da der Kommunismus den Zustand der Entfremdung aber überwunden habe, sei Kafka für die kommunistische Welt nur noch von historischem Interesse. Besonders DDR-Wissenschaftler vertraten den Standpunkt, daß Kafka zwar literaturwissenschaftlich interessant sein könne, für die breite Öffentlichkeit jedoch unverständlich bleiben müsse. Wie groß der Einfluß derartiger propagandistischer 'Gegenmaßnahmen' war, ist schwer einzuschätzen. Die Argumentationsschablonen, die die marxistische Literaturwissenschaft lieferte, waren vielleicht im ersten Moment sogar wirkungsvoller als leise Zweifel und vorsichtige Kritik. Gerade deshalb ist bemerkenswert, daß im Falle Kafkas Zweifel und Unsicherheit, die viele in seinem Werk widergespiegelt sahen, offenbar stärker waren als die Gegenargumente der Partei. Hiervon waren offenbar auch viele Kafka-Freunde überzeugt, die Veröffentlichungen und auf Kafkas Romanen beruhende Theaterinzenierungen mit marxistischen Interpretationsanleitungen und entsprechenden "Einleitungen" erkauften [Václavek 1991: 149].

Der dritte Interpretationsansatz, die Kafka als Kritiker eines willkürlichen bürokratischen Machtapperates sah, war kennzeichnend für die Erneuerungsbewegung im Prager Frühling und auch für die Kafka-Rezeption im Westen. Verkörpert wurde dieser Machtapperat durch den kommunistischen Ein-Parteienstaat. Die Verehrung Kafkas als vorrausschauenden Kritiker eines unmenschlichen Sozialismus bezog sich darauf, daß sein Werk die Unmenschlichkeit und Undurchschaubarkeit des kommunistischen Machtapperates "entlarvte".

Obwohl diese Einschätzung durchaus realistisch sein mag, ist sie von Kafka selbst und seinem Werk ebenso weit entfernt wie die beiden erstgenannten. Vielmehr zeigen alle drei Ansätze, wie ein Schriftsteller und sein Werk ebenso dazu benutzt wurden, eine Ideologie zu kritisieren wie diese zu schützen. Letzteres zeigt der zweite Interpretationsansatz: Kafka wird einseitig als Kritiker des Kapitalismus und Faschismus gedeutet, um weitere kritische Ideen, die möglicherweise von seinem Werk ausgehen, schon im Voraus abzuschwächen. In Bezug auf Kafka selbst und seine Texte müssen sie wie die meisten Interpretationen spekulativ bleiben, wobei sie oft mehr über den Interpretierenden selbst aussagen als über den Autor.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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