Der Vater
Rezeption im Werk
 
                     
 
  Anders als die meisten Werke Franz Kafkas ist der "Brief an den Vater" wohl nicht als fiktionales Werk, sondern als biographisches Dokument anzusehen. Abgesehen von seiner stilistischen Andersartigkeit hat dieser Text demnach einen gänzlich anderen Realitätsanspruch: er möchte wahr und authentisch sein, und für den Verfasser Franz Kafka, der in diesem Brief subjektiv die Beziehung zu seinem Vater darstellt, gibt es keinen Grund, an der Autenthizität zu zweifeln. Womöglich ist gerade in dieser Autenthizität der Grund dafür zu suchen, daß der Brief seinen Adressaten nie erreicht hat.

Es ist leicht zu erkennen, daß der Brief in Bezug auf seine Zielorientiertheit hin gegliedert und inhaltlich und rhetorisch konstruiert ist. Er besteht aus drei Teilen: im ersten Teil illustriert Kafka sein Bild des Vaters, dessen Person und Charakter, wie er ihn wahrnimmt. Diese Charakterisierung verknüpft er dann mit seinem eigenen Wesen, indem er immer wieder Hinweise einstreut, die Aufschluß darüber geben sollen, warum er der Mensch geworden ist, der er ist. Der zweite Teil nimmt die Erkenntnis der Entfremdung zwischen Vater und Sohn zum Ausgangspunkt. Kafka entwirft eine Möglichkeit, das eigene Denken und Handeln zu deuten, alle seine Schritte psychologisch zu analysieren und sie mit Ereignissen der Vergangenheit oder menschlichen Unzulänglichkeiten zu erklären. Es muß an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, daß Kafka seinem Vater niemals direkt und unmißverständlich Vorwürfe macht. Im Gegenteil, er wiederholt immer wieder aufs Neue, daß des Vaters Verhalten nicht anders hätte sein können, daß er nicht anders hätte handeln können. Die einzig auffindbare Schuld, so schreibt Kafka, liege in den Wesenszügen: seinen eigenen und denen des Vaters. Gerade diese Wesenszüge macht Kafka seinem Vater dann aber doch zum Vorwurf - ein Widerspruch, dessen er sich im dritten Teil, in dem er eine mögliche Antwort des Vaters vorwegnimmt, vollkommen bewußt ist und die er auch eingesteht.

Aber nicht nur diese Strukturierung sollte an dieser Stelle beachtet werden, sondern beispielsweise auch Kafkas vorsichtige und ausgewogene Wortwahl - er ist stets bemüht, durch geschickte Formulierung mögliche abweisenden Reaktionen schon vorab zu entkräften. Er schreibt beispielsweise: "Du kannst Dich nicht verstellen, das ist richtig, aber nur aus diesem Grunde behaupten wollen, daß die andern Väter sich verstellen, ist entweder bloße, nicht weiter diskutierbare Rechthaberei oder aber - und das ist es meiner Meinung nach wirklich - der verhüllte Ausdruck dafür, daß zwischen uns etwas nicht in Ordnung ist und daß Du es mitverursacht hast, aber ohne Schuld. Meinst Du das wirklich, dann sind wir einig."

Diese Indizien machen den "Brief an den Vater" nicht notwendigerweise zu kategorisierbarer Literatur, sie verdeutlichen jedoch, daß es sich trotz seines Realitätsanspruches nicht um einen gewöhnlichen Brief handelt, sondern vielmehr um ein vielschichtiges autobiographisches Dokument. Neben der Analyse der Bedeutung des Vaters und der komplexen Beziehung zwischen Vater und Sohn für Kafkas Leben ist es weiterhin interessant zu untersuchen, ob, wo und inwieweit sich diese Problematik in Kafkas Werk niederschlägt. Hier ist die erfolgversprechendste Methode, repräsentativ einzelne Texte zu untersuchen, zum Beispiel anhand der Parabel "Heimkehr".

Mein Schreiben handelte von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte.

(Brief an den Vater)

Franz Kafka, Brief an den Vater
 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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