Analyse des Briefes
Der Sohn Franz Kafka
 
                     
 
  Es ist kaum möglich, den Einfluß von Hermann Kafkas Charakter auf die Entwicklung seines Sohnes zu isolieren, ohne nicht zumindest einen kurzen Blick darauf zu werfen, wie sich dessen Selbstwahrnehmung im "Brief an den Vater" darstellt.

Während der Lektüre des Briefes offenbart sich, daß Kafka nie sehr viel von sich selbst und seinen Fähigkeiten gehalten hat. Insbesondere im Vergleich mit dem Vater tritt immer wieder aufs Neue zutage, wieviel schwächer (sowohl in physischer, als auch in psychischer Hinsicht) der Sohn gegenüber dem Vater ist, wie sehr an seinen eigenen Fähigkeiten zweifelt und sich von Versagensängsten leiten läßt. So schildert Kafka beispielsweise in sehr anschaulicher Art und Weise die mit jedem Jahr wachsende Furcht, das Klassenziel zu verfehlen, das schließlich in der Gewißheit gipfelt, den Abschluß der Matura niemals leisten zu können. "Niemals würde ich durch die erste Volksschulklasse kommen, dachte ich, aber es gelang [...]; aber nun falle ich in der ersten Gymnasialklasse bestimmt durch, nein, ich fiel nicht durch und es gelang immer weiter und weiter. Daraus ergab sich aber keine Zuversicht, im Gegenteil, immer war ich überzeugt - und in Deiner abweisenden Miene halte ich förmlich den Beweis dafür - daß, je mehr mir gelingt, desto schlimmer es schließlich wird ausgehn müssen."

Gleichermaßen beschreibt er gemeinsame Schwimmbadbesuche mit dem Vater, während derer er sich stets in der Umkleidekabine zu verstecken versuchte, da er den Vergleich mit der kräftigen, großen Statur des Vaters geradezu panisch vermeiden wollte. "Ich war ja schon niedergedrückt durch Deine bloße Körperlichkeit. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie wir uns öfters zusammen im Schwimmbad in einer Kabine auszogen. Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit. Schon in der Kabine kam ich mir jämmerlich vor, und zwar nicht nur vor Dir, sondern vor der ganzen Welt, denn Du warst für mich das Maß aller Dinge."

Kafka schreibt diesen Brief im Alter von 36 Jahren, und doch spricht aus seinen Worten noch immer das völlig verunsicherte, furchtsame Kind, das hilflos vor einem übermächtig scheinenden Vater steht und nicht weiß, wie es sich ihm gegenüber behaupten soll. Es ist Kafka nie gelungen, sich von seinem Vater zu lösen, insbesondere durch die sich vom Charakter des Vaters vollkommen unterscheidende Mutter, die beschwichtigte, beruhigte und gelegentlich ausglich, wodurch sie ihrem Sohn die Chance nahm, die Verbindung tatsächlich abzubrechen. "Wenn schon Deine Erziehung [...] mich durch Erzeugung von Trotz, Abneigung oder gar Haß auf eigene Füße hätte stellen können, so glich das die Mutter durch Gut-sein, durch vernünftige Rede [...], durch Fürbitte wieder aus und ich war wieder in Deinen Kreis zurückgetrieben, aus dem ich sonst vielleicht, Dir und mir zum Vorteil ausgebrochen wäre."

Genau dieses Ausbrechen gelingt Kafka nicht - abgesehen vielleicht von seinem Schreiben, in das er sich flüchtete, wohl wissend, daß der Vater ihm hier nicht zu folgen vermochte. Trotz allem: auch hier noch bat der Sohn um Anerkennung, indem er dem Vater seine Manuskripte zu lesen gab; doch auch an dieser Stelle blieb sie ihm versagt. "Meine Eitelkeit, mein Ehrgeiz litten zwar unter Deiner für uns berühmt gewordenen Begrüßung meiner Bücher: »Legs auf den Nachttisch!« [...], aber im Grunde war mir dabei doch wohl, nicht nur aus aufbegehrender Bosheit, nicht nur aus Freude über eine neue Bestätigung meiner Auffassung unseres Verhältnisses, sondern ganz ursprünglich, weil jene Formel mir klang wie etwa: »Jetzt bist Du frei!«."

Letztlich besteht der gesamte Brief aus dem Versuch, dem Vater deutlich zu machen, warum und inwiefern dieser für diese Selbsteinschätzung und Selbstwahrnehmung Franz Kafkas verantwortlich ist, ohne natürlich daran in irgendeiner Hinsicht Schuld zu sein. Das Paradoxon in diesem Zusammenhang verdeutlicht abermals die Schwäche Kafkas und seine Angst, dem Vater selbstbehauptend gegegenüberzutreten, und Kafka weiß auch um diesen Widerspruch. Im letzten Teil des Briefes antwortet er an des Vaters Statt und nimmt dadurch dessen eigene mögliche Angriffe gegen den Sohn vorweg. Mit der Stimme des Vaters schreibt er: "[E]s ergibt sich zwischen den Zeilen trotz aller "Redensarten" von Wesen und Natur und Gegensatz aund Hilflosigkeit, daß eigentlich ich der Angreifer gewesen bin, während alles, was Du getrieben hast, nur Selbstwehr war."

Kafka gibt dem Vater also schließlich doch die Schuld an seinen ureigenen und auch ihren gemeinsamen Problemen, auch wenn er den Begriff der 'Schuld' wiederholt entkräftet und explizit ablehnt. Er versucht statt dessen, Formulierungen zu verwenden, die diese 'Schuld' umschreiben oder zumindest verschleiern. Denn er befürchtet einerseits, daß der Vater einen Brief voller Schuldzuweisungen gar nicht erst läse; andererseits tritt abermals eine persönliche Furcht ans Tageslicht - genau die Furcht nämlich, die Kafka laut seiner Eingangsbegründung mit diesem Brief zu erklären versucht: die Furcht, dem Vater nicht gewachsen und unfähig zu sein, die Offenheit seiner Kritik aufrechterhalten zu können. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn zeichnet sich im "Brief an den Vater" demnach nicht als eine sehr positive und einträgliche ab.

Wahrscheinlich bin ich in meiner Anlage gar nicht faul, aber es gab für mich nichts zu tun. Dort, wo ich lebte, war ich verworfen, abgeurteilt, niedergekämpft, und anderswohin mich zu flüchten strengte mich zwar äußerst an, aber das war keine Arbeit, denn es handelte sich um Unmögliches, das für meine Kräfte bis auf kleine Ausnahmen unerreichbar war.

(Brief an den Vater)

Franz Kafka, Brief an den Vater
 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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