Prager deutsche Autoren
Rudolf Altschul
 
                     
 
 

* 24.2.1901 Prag
+ 4.11.1963 Saskatoon (Kanada)

Rudolf Altschul, Klassenkamerad und Freund von Hans Klaus sowie Mitglied der literarischen Gruppierung Gruppe Protest, wurde am 24.2.1901 als Sohn des jüdischen Handelsvertreters Emanuel Altschul (1866-1932) geboren. Er war ein hervorragender Schüler und schon in seiner Schulzeit literarisch sehr interessiert, was ein aus jener Zeit erhaltenes Schulheft mit seinen ersten schriftstellerischen Versuchen (Themen: Vergänglichkeit und Tod) bezeugt. Der Tod seiner Mutter, den er in seinem Gedicht Im Grabe dichterisch verarbeitete, sowie die ärmlichen Verhältnisse, in denen er seine Kindheit verbrachte, ließen Altschul auf seine Schulkameraden sehr früh schon ernst und erwachsen wirken.

Sein Medizinstudium absolvierte Altschul ab dem Wintersemester 1919/20 zusammen mit Hans Klaus an der Deutschen Technischen Hochschule, dann an der Prager deutschen Universität, wo er 1924 seine Examina, am 21.3.1925 dann seine Promotion abschloss. Neben den medizinischen Pflichtveranstaltungen ist für Altschul auch der Besuch von Veranstaltungen zu Metaphysik, Gerhardt Hauptmanns Werk sowie der Psychoanalyse nachzuweisen.

Nach seiner Promotion ging Altschul zur Weiterbildung ans Salpetrier in Paris, danach nach Rom. 1929 wurde er Forschungsassistent am Histologischen Institut der Prager deutschen Universität und eröffnete zur gleichen Zeit eine private Praxis als Psychiater. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag im März 1939 verliessen seine Frau Anna und er illegal - Ausreisevisa waren nicht mehr zu bekommen - auf getrennten Wegen die besetzte Stadt: Altschul floh über Rom, Anna über Belgien und Paris nach England, wo sich beide im September 1939 wiederfanden. Nach der Torpedierung ihres Schiffes nach Kanada am 2.9.1939 durch ein deutsches U-Boot kurz vor der irländischen Küste gelang ihnen im Oktober des gleichen Jahres - allerdings aller persönlichen Habe beraubt - die Überfahrt nach New York, von wo sie ungehindert nach Saskatoon (Kanada) weiterreisten.

Dort fand Altschul eine Anstellung in der anatomischen Abteilung der University of Saskatchewan und erlangte - 1941 zum Professor ernannt - internationale Anerkennung durch zahlreiche Arbeiten zur Arteriosklerose. 1961 wurde er zum Fellow der Royal Society of Canada erhoben. Zugleich amtierte er als Präsident der Canadian Association of Anatomists. Altschul verstarb am 4.11.1963 in Saskatoon.

Obwohl Altschul auch in der Emigration noch zeitweilig literarisch tätig war, ist jene Epoche literarischen Schaffens (aus der allerdings auch nur wenig erhalten ist) mit seiner Studienzeit kaum vergleichbar [s. Gruppe Protest]: Die späteren Werke stehen alle in engem Zusammenhang mit Altschul beruflicher Tätigkeit und entspringen dem Versuch, das allgemeine Verständis für psychische Krankheiten durch die epische Darstellung entsprechender Lebensschicksale zu erweitern. Ihnen allen liegt die Annahme zugrunde, daß Wahnsinn eine menschliche Normalität und ein vollkommen gesundes Individuum noch nicht gefunden worden sei. Auch einige sozialkritische Texte entstanden in jener Zeit [vgl. zu den Werken aus jener Zeit Binder 1991: 227].

Seine Gedichte und Erzählungen wurden auf verschiedenen Dichterabenden der Gruppe Protest vorgestellt [Vgl. dazu die Hinweise zur Gruppe Protest]. Insbesondere seine 1921 im Avalun erschienene Erzählung Die Geretteten ist dem Programm der Gruppe verpflichtet, insofern als daß sie die Erwartungen des Lesers enttäuschen will und sich der Faßbarkeit herkömmlicher Erzählprosa zu verweigern sucht [vgl. zu Inhalt und Bedeutung dieser Erzählung Binder 1991: 194-197].

Werke

  • Gedichte
    • Mutterliebe
    • Die Klagemaür
    • Weltordnung
    • Auf den Tod eines Neugeborenen
  • Erzählungen
    • Die Geretteten, 1921
 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
www.kafka.uni-bonn.de/cgi-bin/kafka?Rubrik=prager_deutsche_literatur&Punkt=autoren&Unterpunkt=altschul