Kafkas Frauen
Triebentwicklung
 
                     
 
 

Idealisierung des Vaterbildes

Hartmut Binder zeigt in einer Untersuchung auf, welche wichtige Rolle Kafkas Vater bei der Entwicklung seines Sohnes gespielt hat [Binder 1979: 53]. In Bezug auf die Entwicklung Kafkas eigenen Egos blieb die Idealisierung des Vaterbildes unnatürlich lange bestehen. Obwohl er im Laufe seines Lebens Mängel an diesem Bild feststellte, schaffte er es dennoch nicht, sich von den Idealvorstellungen im Sinne dieses Über-Ichs zu befreien. Dies betraf vor allem die väterliche Geschäftstüchtigkeit, die Kafkas eigene Berufswahl beeinflußte und die sicherlich auch seine Bindung an die berufstätige, geschäftstüchtige Felice Bauer mitveranlaßt haben dürfte.

Erziehung durch den Vater

Der wichtigere Punkt aber betrifft, laut Binder, Kafkas Triebentwicklung, die beschädigt wurde durch die Selbstbezogenheit des Vaters. Dieser reagierte nicht unterstützend, sondern negativ auf die Entwicklungsfortschritte seines Sohnes und sprach unentwegt Drohungen aus. Als Erziehungsmittel dienten ihm Beschämung und Verächtlichmachung kindlicher Triebziele.

Franz Kafkas Ich-Einschränkung ist demnach als eine Folge der väterlichen Erziehungsmaßnahmen anzusehen. Kafka zieht sein Interesse von den Aktivitäten zurück, bei denen er schlechte Erfahrungen gemacht hat und orientiert sich an den möglichst entgegengesetzten. Deutlich wird dies in einer Tagebuchaufzeichnung vom Januar 1912, in der er schreibt, daß alle Fähigkeiten unnütz seien, die sich auf die Freuden des Geschlechts, des Essens, des Trinkens, des philosophischen Nachdenkens, der Musik richteten, nachdem er das Schreiben als die ergiebigste Richtung seines Wesens erkannt hatte. Von der Philosophie abgesehen handelt es sich dabei um Gebiete, die der väterlichen Welt zuzuordnen waren.

Wegen der Redebegabung des Vaters läßt er seine eigenen Fähigkeiten auch auf diesem Gebiet verkommen und widmet sich ganz dem Schreiben. Aus seinen Aufzeichnungen und Briefen aus der Zeit mit Felice wird der hohe Stellenwert den das Schreibens in Kafkas Leben hatte schnell deutlich.

Ehe als weiterer Bereich der väterlichen Welt

Auch die Ehe sah Kafka als einen ihm verschlossenen Bereich des Vaters an. Kafkas Absicht, Felice zu heiraten, um damit dem Vater gleich zu werden, mündeten in seelischen Spannungszuständen und der Schritt von der Verlobung zur Hochzeit wurde nie vollzogen.

Für die erfolglose Identifizierung mit seinem Vater gibt Kafka selbst zwei Erklärungen. Einmal war der Größen- und Wesensunterschied zu gewaltig, da der Vater im Gegensatz zum schwachen, mageren und schmalen Sohn genau das Gegenteil war. Dazu kam, daß alle vom Vater ausgehenden Möglichkeiten der Identifizierung im physischen Bereich lagen. Besonders deutlich kam dies in der tyrannischen Machtausübung gegenüber dem Personal zutage. Da der Vater einen ebensolchen Sohn haben wollte, wie er einer war, wurde der Druck auf Kafka immer größer. Seine Eigentümlichkeit hingegen wurde weder gefördert noch anerkannt, sondern mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterdrückt und bekämpft. Da er sich gegen diesen starken Vater kaum wehren konnte, entstand auch kein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Kafka hatte das Gefühl, sein übermächtiger Vater verstelle ihm den Weg in die Gemeinschaft.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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