Zeitgeschichte
Gesellschaftliche Tendenzen
 
                     
 
 

Der Industrialisierungsprozeß brachte die in der Wirtschaft führenden Persönlichkeiten in gesellschaftliche Schlüsselpositionen. So traten neben die politischen Eliten, die sich in Europa zu einem guten Teil aus dem grundbesitzenden Adel und dem akademisch gebildeten Bürgertum rekrutierten, die Führungskräfte der Wirtschaft. Sie bildeten ein neues, von anderen Gruppen wesentlich unterschiedenes Element der Gesellschaft. In der Entstehung hochqualifizierten Managertums zeigte sich ebenso wie in dem ständigen Anwachsen der mit deligierten Unternehmerfunktionen betrauten Angestellten der Bedarf der Industriewirtschaft an höherer fachlicher Ausbildung. Bildung wurde nun auch in der Industrie als Voraussetzung beruflichen Erfolgs zum Mittel individueller Statusverbesserung und darüberhinaus zum Motiv sozialer Veränderung im Ganzen. Der Wille breiter Bevölkerungsschichten ihr Bildungsniveau zu heben, fand in der gleichen Zeit Ausdruck in den ersten Arbeiterbildungsvereinen, wohlfeilen Klassikerausgaben und den Schlagworten "Bildung/Wissen ist Macht" oder "Wissen macht frei". An den deutschen Universitäten erwies sich bei ihrer Reorganisation die neuhumanistische Prägung als so stark, daß sie trotz großer Erfolge in den Naturwissenschaften die Forschung auf dem Gebiet der Technik und die Heranbildung des technischen und kaufmännischen Führungspersonals weitgehend vernachlässigten.

Dafür wurden die technischen Lehranstalten zu Stätten der Forschung und erhielten auch den vollen Hochschulstatus. Mit der Einführung staatlicher Protektionspolitik erhielt der Staat maßgeblichen Einfluß auf die ökonomischen Bedingungen der Gesellschaft, den er als Instrument zur sozialen Gestaltung verwenden konnte. Die beabsichtigten sozialen Konsequenzen beschränkten sich darauf, aus politischen Gründen bevorzugte Schichten (in Preußen etwa Landwirtschaft und Großgrundbesitz) zu fördern, anstatt auf umfassende Neuordnungen der Gesellschaft abzuzielen.

Mit ihrem theoretischen Beitrag führte der Einfluß des "Vereins für Socialpolitik" zur Durchsetzung der Sozialgesetzgebung in Deutschland. Damit begann eine begrenzte Politik sozialen Ausgleichs zugunsten der Arbeiter, denen die aus allgemeinen Steuermitteln entnommenen Staatszuschüsse zur Alters- und Invalidenversicherung zugute kamen. Das deutsche Versicherungsmodell hat die Sozialpolitik anderer Läder maßgeblich beeinflußt. Ein neuer Parteitypus, der der Massenpartei, wurde durch die sozialistische Bewegung hervorgebracht. Die neu entstehenden wirtschaftlichen Interessenvertretungen in Gestalt großer Verbände stellten ein neben den Parteien existierendes System gesellschaftlicher Aktivität dar. Die kontinentalen Gewerkschaften haben sich aus ursprünglich anders angelegten Arbeiterorganisationen entwickelt. Neben die sozialistischen Arbeiterorganistaionen traten christliche Gewerkschaften. Auch bei den Unternehmen und in der Landwirtschaft führte die Gleichartigkeit der Interessen zur Verbandsbildung.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
www.kafka.uni-bonn.de/cgi-bin/kafka?Rubrik=zeitgeschichte&Punkt=gesellschaft