Zeitgeschichte
Wirtschaftliche Entwicklungen
 
                     
 
 

Die Verdichtung der Verkehrs-, Nachrichten-, und Handelsbeziehungen hatte seit der Mitte des Jahrhunderts die wirtschaftlichen Vorgänge in den verschiedenen Ländern so eng miteinander verknüpft, daß die ganze Welt für eine immer größere Zahl von Gütern zu einem einheitlichen Markt zusammenwuchs. Der Abbau von Zollschranken und die internationale Anerkennung des Goldstandards ermöglichten den leichten Austausch von Waren und Zahlungen über die politischen Grenzen hinweg. Durch die Intensivierung des Seeverkehrs und den Bau von Eisenbahnen in den USA und Rußland konnte auswärtiges Getreide in Europa billiger angeboten werden; die Entwicklung des Gefrierverfahrens und die Konstruktion von Kühlschiffen ermöglichten den Import von Fleisch aus Übersee. Der dadurch ausgelöste Preisverfall bei den Agrarprodukten führte zu erheblicher Existenzunsicherheit der ländlichen Bevökerung. Für die Arbeiterschaft bedeutete dies eine Senkung der Lebensmittelpreise, die ihr zugute kam. Nach dieser "Großen Depression", wie die Wirtschaftskrise genannt wurde, geriet das Zutrauen in den Freihandel ins Wanken. Dieser wurde dann durch staatliche Protektionspolitik vor ausländischer Konkurrenz und damit mit der Einführung von Schutzzöllen abgelöst. Der nationalwirtschaftlich verengten Sicht vieler Zeitgenossen schien die imperialistische Sicherung von Absatzmärkten und Rohstoffquellen unerläßlich, und die Rivalität der Industrienationen im Welthandel wurde zu einem Faktor in den diplomatischen Beziehungen.

Trotz der Erschwerung des internationalen Handelsaustausches durch die Schutzzölle erlebte die europäische Wirtschaft nach dem Ende der "Großen Depression" in den 90er Jahren einen neuen Höhepunkt. Die Produktion von Roheisen wurde verdreifacht, die von Stahl verzehnfacht. Der Anteil Europas an der Weltwirtschaft jedoch fiel ständig zurück. Die USA und - in geringerem Maße, wenn auch mit noch höheren Zuwachsraten - das zaristische Rußland drängten die alte Vormachtstellung des Kontinents allmählich zurück. Diese Entwicklungen brachten zusammen mit der freien Konvertibilität den Welthandel in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg auf einen neuen Höhepunkt.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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