Prager deutsche Literatur
Zum historischen Hintergrund
 
                     
 
 

Information Wie konnte eine Prager deutsche Literatur entstehen?
- Ein Rückblick auf die Geschichte Prags

Einführung

Prag, die Hauptstadt des Königreiches Böhmen und nach dem ersten Weltkrieg dann der Tschechoslowakischen Republik, galt immer schon als die historische Stadt Mitteleuropas schlechthin. Seit dem 9. und 10. Jahrhundert von drei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen bewohnt - den einheimischen Tschechen, den eingewanderten Deutschen und den (tschechisch- oder deutschsprechenden) Juden - und von den ständigen Auseinandersetzungen der drei Gruppen untereinander geprägt, wurde Prag über Jahrhunderte hinweg zum Treffpunkt westlicher und östlicher Kulturen und zwang die verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu ständiger Auseinandersetzung, Anpassung, Veränderung und Abgrenzung voneinander.

Im folgenden soll ein knapper chronologischer Abriß der Geschichte Prags gegeben werden, der darauf abzielt, zu erklären, warum Prag noch um die Jahrhundertwende als deutsche Stadt gelten konnte. Soweit möglich, wird dabei versucht, die historischen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen für die Entstehung der Prager deutschen Literatur hervorzuheben und die aus historischen und sozialen Vorgängen entstandenen Besonderheiten dieser Literatur zu beleuchten. In diesem Zusammenhang sind meines Erachtens sieben wesentliche Etappen zu benennen:

  1. Gezielte Christianisierung der Prager Bevölkerung durch Premysliden im Rahmen ihres Machtkampfes mit dem heidnischem Adel im 10. Jahrhundert, folglich wachsender Einfluß des Westens, insbes. Deutschlands auf die Politik des Fürstentums
  2. Förderung der Ansiedlung deutscher Wirtschaftskräfte in Prag durch die Prager Fürsten durch wirtschaftliche Vergünstigungen im 12. und 13. Jahrhundert
  3. Förderung westlicher Kultur und westlichen Einflußes im Zuge des Ausbaus Prags zur Reichshauptstadt unter Karl IV. (1346-1378), Festigung der Stadtkultur und der ethnisch getrennten Wohnbezirke
  4. Hussitische Reformbewegung des 15. Jahrhunderts: Vertreibung der katholischen Deutschen aus Prag, Assimilierung gleichgesinnter Deutscher, Ausschreitungen gegen Juden, Auszug der drei nicht-böhmischen Universitätsnationen nach Leipzig
  5. Wahl des Habsburgers Ferdinand I. zum König von Böhmen im Jahre 1526. Beginn der Gegenreformation. Erneut deutsche Siedler in Prag.
  6. Niederlage des tschechisch-protestantischen Adels im 30-jährigen Krieg: Rekatholisierung, Absinken des Tschechischen zur Sprache der niederen Schichten bei gleichzeitigem Aufsteigen des Deutschen und Französichen zur Hofsprache, große deutsche Einwanderungswelle
  7. Joseph II. (1765-1790): Einführung der deutschen Amtssprache im ganzen Reich, infolgedessen einsetzende Verdeutschung Prags bis zur Märzrevolution 1848, Aufkommen eines antideutschen und antisemitischen tschechischen Nationalismus als Gegenreaktion

Desweiteren werden in einem zweiten Teil die Verhältnisse der Deutschen und Juden in Prag um die Jahrhundertwende beleuchtet, jener Zeit also, die so häufig als literarische Glanzzeit Prags gewertet wird und in der der deutsche Bevölkerungsanteil schließlich so stark zurück ging, sowie Erklärungsansätze für die Zurückdrängung des deutschen Elements in Prag zwischen 1848 und 1938 gegeben.

Weiterführende Literatur

Insbesondere ist auf den folgenden Aufsatz von Christoph Stölzl hinzuweisen, an dem sich die obige Darstellung stark orientierte:

Stölzl, Christoph: Prag, in: Binder, Hartmut (Hrsg.): "Kafka Handbuch in 2 Bänden", Bd. 1, Stuttgart 1979, S. 40-100.
Weitere Literatur, insbesondere zur Geschichte Böhmens nach 1900 und der sog. Sudetenkrise:
  1. Brügel, Johann Wolfgang: Tschechen und Deutsche 1918-1938, München 1967.
  2. Hönsch, Jörg K.: Die Politik des nationalsozialistischen Deutschen Reiches gegenüber dem der Tschechoslowakischen Republik 1933-1938, In: "München 1938. Das Ende des alten Europa", Hrsg. v. Peter Glotz/Karl-Heinz Pollok u. a., Essen 1990, S. 199-228.
  3. Mamatey, Victor S.: Die Entwicklung der Tschechoslowakischen Demokratie 1920-1938, In: "Geschichte der Tschechoslowakischen Republik 1918-1948", Hrsg. v. Victor S. Mamatey/Radomir Luza. Wien/Köln/Graz 1980. S. 109-179.
  4. Rönnefarth, Helmuth K. G.: Die Sudetenkrise in der internationalen Politik. Entstehung-Verlauf-Auswirkung, 2 Bde., Wiesbaden 1961 (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 21).

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
www.kafka.uni-bonn.de/cgi-bin/kafka?Rubrik=prager_deutsche_literatur&Punkt=geschichte