Der Vater
Kurzbiographie
 
                     
 
 
[Hermann Kafka]
Hermann Kafka
(24 kB)
Hermann Kafka, Franz Kafkas Vater, wird im Jahre 1852 als Sohn eines Fleischhauers und Schächters in Wossek in Südböhmen geboren. Er ist das viertälteste von sechs Kindern und wächst mit seiner Familie in großer Armut auf. Aufgrund dieser Armut müssen auch die Kinder schon in frühen Jahren zum Lebensunterhalt der Familie beitragen; Hermann beispielsweise zieht schon im Alter von sieben Jahren mit einem Handkarren durch die Dörfer. Als Vierzehnjähriger schließlich verläßt Hermann Kafka sein Zuhause und arbeitet - finanziell gänzlich auf sich allein gestellt - in der Stadt Pisek in einem Geschäft.

Als Zwanzigjähriger tritt er in die Armee ein und bringt es bis zum Zugführer. Schließlich, im Alter von 30 Jahren, heiratet er die wohlhabende Brauerstochter Julie Löwy und eröffnet kurze Zeit später ein Geschäft, in dem hauptsächlich Kurzwaren und Gebrauchsartikel verkauft werden. Später erweitert er das Geschäft zu einer Großhandung. Sein oberstes Ziel ist stets das Erlangen und Erhalten einer sicheren sozialen Stellung, Reichtum und Status; eine Tatsache, die womöglich vor dem Hintergrund der Armut der Kindheit erklärt werden kann. Sein Ziel erreicht er durch "hemmungslose[n] Egoismus, brutale Ellenbogenmentalität und sture Konzentration" [Pawel 1990: 8], und diese Eigenschaften machen ihn zu einem denkbar schlechten Vater. Denn daß seine Kinder durch seinen Ehrgeiz in wesentlich stabileren Umständen aufwachsen, macht ihnen der Vater immer wieder zum Vorwurf, spricht ihnen zumindest jedoch die Fähigkeit völlig ab, seine eigene Jugend nachvollziehen zu können. "Seit jeher machst Du mir zum Vorwurf [...], daß ich dank Deiner Arbeit ohne alle Entbehrungen in Ruhe, Wärme, Fülle lebte."

Das Leitbild seines Handelns wird für Hermann Kafka letztlich durch die Meinung der Gesellschaft bestimmt - ausschlaggebend ist, was "man" tut. Es gibt keinen Zweifel daran, daß auch seine Kinder um nichts als eine gesicherte Existenz bemüht sein sollen, um ein geregeltes Leben und ein garantiertes Einkommen. Seinen Sohn Franz drängt Hermann daher in das Studium der Rechtswissenschaft.

Alle Mitglieder der Familie ordnen sich dem Lebensstil und den Prinzipien Hermann Kafkas unter. So leistete auch seine Frau einen Großteil der Arbeit im Geschäft und "diente ihrem Mann mit [...] untertänige[r] Hingabe" [Pawel 1990: 21]. Lediglich Franz, ältester und nach dem Tod der beiden Brüder einziger Sohn, und seine Schwester Ottilie, die jüngste Tochter, passen nicht in die Form, die der Vater vorgibt, doch während Franz sich immer weiter bemüht, den Vorstellungen des Vaters zu entsprechen, gelingt es Ottilie, ihre eigenen Wünsche in Ehe und Beruf zu realisieren.

Bildquelle: KLAUS WAGENBACH: Franz Kafka - Bilder aus seinem Leben, Berlin 1989, S. 13.

Du dagegen ein wirklicher Kafka an Stärke, Gesundheit, Appetit, Stimmkraft, Redebegabung, Selbstzufriedenheit, Weltüberlegenheit, Ausdauer, Geistesgegenwart, Menschenkenntnis, einer gewissen Großzügigkeit, natürlich auch mit allen zu diesen Vorzügen gehörenden Fehlern und Schwächen, in welche Dich Dein Temperament und manchmal Dein Jähzorn hineinhetzten.

(Brief an den Vater)

Franz Kafka, Brief an den Vater
 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
www.kafka.uni-bonn.de/cgi-bin/kafka?Rubrik=vater&Punkt=kurzbiographie