Prager deutsche Literatur
Versuch einer Definition
 
                     
 
 

Der Begriff der Prager deutschen Literatur bzw. der Deutschsprachigen Literatur Prags ist eine Bezeichnung jüngeren Datums, eingeführt von der tschechischen Germanistik und erst seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges fester Begriff der Literaturgeschichte. Erst seit Mitte der 60er Jahre wurde den im Schatten Kafkas, aber auch Werfels vergessenen Autoren die Aufmerksamkeit der deutschen aber auch tschechischen Literaturwissenschaft zuteil, was sich unter anderem auch dadurch erklären läßt, daß gerade die Schriften und Hinterlassenschaften dieser Autoren während der Emigration, des Krieges oder der nachfolgenden Vertreibung nur selten umfassend erhalten geblieben sind. (Die erste wissenschaftliche Konferenz zum Thema Prager deutsche Literatur fand erst 1965 in Liblice bei Prag statt.)

Im wesentlichen werden zwei Komponenten zur Abgrenzung der mit diesem Begriff bezeichneten Literatur von anderen Strömungen herangezogen:

  1. Die zeitliche Abgrenzung: Allgemein wird die Prager deutsche Literatur auf die ca. 55 Jahre zwischen dem Auftreten Rainer Maria Rilkes im Jahre 1884 mit seinem Werk Leben und Lieder und dem Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei im September 1938 bzw. März 1939 datiert und so von der eher provinziellen Literatur des frühen 19. Jahrhunderts abgegrenzt (Allerdings setzt beispielsweise Christoph Stölzl den Beginn der bedeutenden Phase Prager deutscher Literatur schon mit den Autoren des Jungen Böhmen im Vormärz der Revolution von 1848 an, vgl. dazu Stölzl 1979: 85f.)
  2. Die örtliche Komponente: Mit dem Begriff Prager deutsche Literatur werden bewußt die deutsch-schreibenden Autoren der Moldaustadt von denen der übrigen deutschsprachigen Gebiete Böhmens, Mährens und Mährisch-Schlesiens abgegrenzt, da zwischen der städtischen Literatur Prags und der eher ländlich-national-völkischen Literatur der deutschen Randgebiete nicht nur inhaltlich sondern auch stilistisch und ideologisch entscheidende Unterschiede festzustellen sind. (Vgl. dazu Jürgen Born, S. 1-9).

Jedoch muß darauf hingewiesen werden, daß trotz dieser so starken örtlichen und zeitlichen Begrenzung nicht von einer einheitlichen literarischen Schule gesprochen werden kann. Der Begriff fasst sehr unterschiedliche Autoren (u.a. bei Reimann: Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Franz Werfel, Egon Erwin Kisch, Ludwig Winder, Gustav Meyrink, Franz Weiskopf, Lois Fürnberg, Paul Leppin, Max Brod, Rudolf Fuchs, Oskar Baum, Ernst Sommer, Paul Adler, Oskar Wiener, Ernst Weiß, Otto Pick, Victor Hadwiger, Johannes Urzidil, Herman Ungar, die Brüder Franz u. Hans Janowitz, Camill Hoffmann, Emil Faktor, Leo Perutz, Otto Röld, Walter Seidl) zusammen, mit oft nicht nur verschiedenartigen, sondern vielfach entgegengesetzten Tendenzen.

Sie gilt heutzutage als weitaus wichtigster Komplex literarischer Werke in deutscher Sprache, der außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachgebietes entstanden ist (vgl. dazu Goldstücker) und ist aufgrund ihrer Enstehungsgeschichte als Nationalliteratur (deutsch - österreichisch - tschechisch) nur schwer einzuordnen, da sie trotz deutscher Sprache thematisch stark von der tschechischen Kultur, Literatur und Geschichte beeinflußt worden ist:

Insbesondere Eduard Goldstücker hat darauf hingewiesen, daß der deutschen Bevölkerung Prags der soziale Unterbau fehlte, da die in Prag lebende deutsche Bevölkerung einer recht homogenen sozialen - nämlich großbürgerlichen - Schicht entstammte, die - wohlhabend und bildungsorientiert wie sie war - mit den nur knapp 30% der deutschen Bevölkerung, die den Arbeiterschichten entstammten und in den Vororten lebten, nicht in Kontakt stand. Folglich suchten viele der bürgerlichen Familien entstammenden Prager deutschen Autoren den Kontakt zur tschechischen Arbeiterklasse und zum tschechischen Volkslebens als einzigem Weg aus der bürglich-deutschen Isolation und zur detailgetreuen Darstellung des Lebens der Arbeiterschicht.

Schließlich ist darauf zu verweisen, daß - nimmt man etwa Paul Leppin und Karl Brand aus - fast alle der im folgenden zu besprechenden Autoren jüdischer Herkunft waren und mit dem Erstarken des tschechischen Nationalismus gerade in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wiederholt antisemitischen Strömungen ausgesetzt waren.

So wird die einmalige Situation der meist jüdischen Autoren der Prager deutschen Literatur jener Zeit oft mit dem Bild eines dreifachen Ghettos - einem deutschen unter tschechischer Bevölkerungsmehrheit, einem deutsch-jüdischen in oft antisemitisch gestimmter Umgebung und einem bürgerlichen umgeben von einem fast ausschließlich tschechischen Arbeitermileu - beschrieben, ihr Leben mit einer insularen Existenz verglichen, was - so Mauthner - auch Auswirkungen auf die Sprache der Prager Deutschen hatte:

Ich besitze in meinem innern Sprachleben nicht die Kraft und die Schönheit einer Mundart. Und wenn jemand mir zuriefe: ohne Mundart sei man nicht im Besitze einer eigentlichen Muttersprache - so könnte ich vielleicht heute noch aufheulen, wie in meiner Jugend, aber ich könnte ihn nicht Lügen strafen... Der Deutsche im Innern von Böhmen, umgeben von einer tschechischen Landbevölkerung, spricht keine deutsche Mundart, spricht ein papierenes Deutsch...
[Mauthner, zit. nach Goldstücker 1967: 27]

Generell wird den Prager deutschen Autoren eine wichtige kulturelle Mittlerrolle zwischen Tschechen und Deutschen zugeschrieben, was sich unter anderem an den zahlreichen übersetzungsarbeiten Otto Picks, Rudolf Fuchs, Franz Werfels, Paul Eisners, F.C. Weiskopfs, Lois Fürnbergs u.a.. Weiterhin gewann beispielsweise Fuchs als Kunstkritiker der modernen tschechischen Malerei, Brod als Entdecker und Förderer des tschechischen Komponisten Janacek an Bedeutung. Gerade dieses Interesse an der Kultur und Literatur des tschechischen Nachbarn und der damit oft einhergehende Pazifismus waren es, was die Prager Autoren in Gegensatz zu den deutschböhmischen, später sudetendeutschen Autoren stellte, die oftmals einem militanten, völkischen Nationalismus huldigten, der auch häufig antisemitische Elemente enthielt. Allerdings muß auch hier auf Ausnahmen verwiesen werden, beispielsweise auf die sozialistische Literatur von Josef Mühlbergers und die um Völkerverständigung bemühte Zeitschrift Witiko.

Weiterführende Literatur

  • Deutschsprachige Literatur aus Prag und den böhmischen Ländern 1900-1925. Chronologische Übersicht und Bibliographie. Hrsg. u. eingeleitet v. Jürgen Born. Unter der Mitw. v. Waltraud John und John Shepherd. München/London/New York/Paris. 1991. 1-9.
  • Goldstücker, Eduard: Die Prager deutsche Literatur als historisches Phänomen, in: Weltfreunde. Konferenz über die Prager deutsche Literatur. Hrsg. v. Eduard Goldstücker. Prag 1967. S. 21-45.
  • Keil, Ernst Hartmut: in: Franz Kafka und die Prager deutsche Literatur. Hrsg. v. Hartmut Binder. 7-10.
  • Stölzl, Christoph: Prag, in: Binder, Hartmut (Hrsg.): Kafka Handbuch in 2 Bde. Bd. 1. Stuttgart 1979. S. 40-100.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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