Zeitgeschichte
Der erste Weltkrieg
 
                     
 
  Die französische Machtausweitung in Afrika wollte Deutschland nur um den Preis territorialer Kompensation am Kongo zulassen. Um diese Forderungen zu unterstützen, wurde das Kanonenboot "Panther" nach Agadir entsandt. Wiederum konnte sich in dieser Krise Frankreich auf die englische Unterstützung verlassen, die jetzt sogar einen gemeinsamen Aufmarschplan gegen Deutschland ermöglichte. Das Deutsche Reich mußte sich daher mit einer Erweiterung seiner Kolonie Kamerun begnügen, Frankreich erhielt dafür das Protektorat über Marokko 1911 auch formell zugestanden.

Zum Herd großer europäischer Krisen wurde ab 1908 die Balkanhalbinsel. Um jungtürkischen Ansprüchen auf die formell noch zum türkischen Reich gehörigen Gebiete zuvorzukommen, annektierte Österreich im Oktober 1908 Bosnien und die Herzegowina, die es schon seit 1878 besetzt hielt und verwaltete. Auf diese Weise schien die Möglichkeit gegeben, den Dualismus von Deutschen und Magyaren zu einem trialistischen System auszuweiten, das den neu hinzugekommenen Slaven eine gleichberechtigte Position im Reich gegeben und damit die Versuche Serbiens, Führungsmacht aller Südslaven zu werden, vereitelt hätte. Serbien protestierte daher gegen die Annexion und wurde in seiner Forderung nach Kompensation oder Herstellung des früheren Zustandes von Rußland unterstützt. Die Spannungen verschärften sich schon im Winter 1908/09 bis zur Kriegsgefahr. Aber Rußland war zu einem europäischen Krieg noch nicht in der Lage. Das Einlenken Rußlands isolierte Serbien und das mit ihm verbündete Montenegro; unter dem Druck der Großmächte mußte Serbien seinen Protest ausdrücklich zurücknehmen.

Als die Türkei durch den Krieg mit Italien belastet war, schlossen Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro ein Bündnis und griffen im Oktober 1912 die dem osmanischen Reich noch verbliebenen europäischen Besitzungen an. Erneut war Gefahr für einen Krieg europäischen Ausmaßes gegeben. Diesmal warnte Deutschland Österreich vor dem Krieg und es kam 1913 zum Londoner Friedensvertrag, in dem die Türkei ihr gesamtes europäisches Territorium abtrat. Unter den Staaten des Balkanbundes kam es daraufhin zu Spannungen und im Juli zum Krieg Bulgariens gegen Serbien, dem sich Griechenland und Rumänien anschlossen. Bulgarien mußte bald um Frieden bitten. Rumänien und Bulgarien erwarben nur relativ geringen Zuwachs an Gebiet und Bevölkerung. Serbien, Montenegro und Griechenland gingen demgegenüber erheblich vergrößert aus den Kriegen hervor. Serbien war somit auf dem Weg zur führenden Macht auf dem Balkan.

Die neuen Grenzen in Südosteuropa führten erstmals in der neueren Geschichte zu gewaltsamen Bevölkerungsverschiebungen. Während der Kriege war die Bevölkerung der umstrittenen Gebiete gedrängt worden, Religion, Sprache und Kultur der jeweiligen Besatzungsmacht anzunehmen. Um drohender Diskriminierung und Verfolgung zu entgehen, gaben Unzählige ihre angestammten Wohnsitze auf.

Der Kriegsausbruch 1914 beendete eine Epoche, die im Rückblick der Zeitgenossen durch Frieden, innere Stabilität und Wohlstand gekennzeichnet war, trotz der russischen Revolution und der blutigen Unruhen in Spanien und Portugal. Trotzdem war die Zeit vor dem Krieg nicht frei gewesen von großen Auseinandersetzungen, die bis an den Rand eines großen Krieges geführt und weithin das fatalistische Gefühl genährt hatten, daß auf die Dauer doch ein europäischer Krieg unvermeidlich sei. Rußland und Spanien hatten mit den außereuropäischen Großmächten Kriege geführt und verloren. In den Kolonien konnten die Auseinandersetzungen bis an die Schwelle eines Krieges geraten, wie im Falle Frankreichs und Englands in Faschoda. Krieg war somit ein ständiges Mittel in der Politik der Großmächte, noch ehe der offene Konflikt begann. Wenn das Lebensgefühl der Zeitgenossen trotzdem von Sicherheit und Dauer des Bestehenden geprägt sein konnte, so deshalb, weil die Erfahrung des Krieges auf kleine Personenkreise beschränkt blieb und die militärischen Aktionen sich in weit abgelegenen Gebieten abspielten. In den europäischen Kabinetten wurde der Krieg noch als ein kalkulierbares Risiko betrachtet.

Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gattin am 28. Juni 1914 in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo durch eine südslavistisch-nationalistische Geheimorganisation löste eine Krise aus, die in ihrem Verlauf zum weltweiten Krieg führte. Die Empörung der Weltöffentlichkeit über das Attentat und dessen rasch aufgedeckte Verbindungen zu serbischen Militär- und Regierungskreisen schienen für Österreich-Ungarn die Möglichkeit zu bieten, die eigene Position auf dem Balkan zu verbessern und darüberhinaus den gesamten Status Quo zugunsten der Mittelmächte zu verändern. Als sich Österreich-Ungarn entschloß, die ihm von Serbien unzweifelhaft geschuldete Genugtuung als Mittel zu benutzen, um diesen Staat als politischen Faktor auf dem Balkan auszuschalten, versicherte das Deutsche Reich am 5. Juli dem Bündnispartner seine unbedingte Unterstützung ("Blanko-Scheck"). Das Risiko des europäischen Krieges ist man dabei bewußt eingegangen. Verschärft wurde die internationale Situation dann durch das österreichische Ultimatum vom 23. Juli, das von Serbien die Bestrafung aller am Attentat Beteiligten unter Bedingungen verlangte, welche die serbische Souveränität erheblich beeinträchtigt hätten. Das Ausmaß der österreichischen Forderungen galt aber inzwischen international als unbillig. Die serbische Regierung beantwortete die österreichische Note unter dem Rückhalt Rußlands und Frankreichs innerhalb der vorgeschriebenen Frist mit großem, aber nicht vollständigen Entgegenkommen und machte gleichzeitig mobil. Österreich betrachtete sein Ultimatum als abgelehnt und mobilisierte acht Armeekorps zum Eingreifen in Serbien.

Der Krieg auf dem Balkan berührte alle in Europa bestehenden Bündnissysteme. Großbritannien, das darin noch den größten Handlungsspielraum besaß, versuchte durch Einwirken auf Österreich den Ausbruch offener Feindseligkeiten zu verhindern. Aber gerade diese Intervention veranlaßte Österreich, durch die Kriegserklärung an Serbien vom 28. Juli vollendete Tatsachen zu schaffen. Die russische Teilmobilmachung folgte am folgenden Tage und brachte das Räderwerk der militärischen Kriegsvorbereitungen in Gang, bei dem die immer noch andauernden diplomatischen Ausgleichsversuche kaum mehr Erfolgsaussichten besaßen. In die Front der kriegführenden Mächte reihten sich Schlag auf Schlag Deutschland, Frankreich, England und auch Japan ein.

Das Eingreifen der USA bedeutete die endgültige Entscheidung des Krieges, wenn sie auch nicht gleich zur Wirkung kam. Am 15. Dezember 1917 schied Rußland durch Waffenstillstand formell aus dem Kreis der kämpfenden Staaten aus. Die deutsche Führung versuchte nunmehr, an der Westfront eine Entscheidung zu erzwingen, bevor amerikanische Truppen in die Kämpfe eingreifen konnten. Mit einem französischen und einem darauffolgenden englischen Gegenstoß fiel die militärische Entscheidung. Daran beteiligten sich zusätzlich in wachsender Zahl amerikanische Truppen und gleichzeitig brach die Widerstandskraft der Alliierten zusammen: Bulgarien mußte Waffenstillstand schließen, die türkische Front brach zusammen, Österreich-Ungarn war am Ende seiner Leistungsfähigkeit. Am 29. September 1918 wurde von der 3. Obersten Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff die Entscheidung zur Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen getroffen. Am 11. November trat dann die Waffenruhe ein.

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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