Briefwechsel
1911
 
                     
 
 

3.1.1911 3. Januar. "Du" sagte ich und gab ihm hierauf einenen kleinen Stoß mit dem Knie. (T 29)
4.1.1911 4. Januar. "Glaube und Heimat" von Schönherr. (T 29)
6.1.1911 6. Januar. "Du", sagte ich, zielte und gab ihm einen kleinen Stoß mit dem Knie, "jetzt geh ich aber. (T 29)
7.1.1911 7. Januar. N.s Schwester, die in ihren Bräutigam so verliebt ist, daß sie es einzurichten sucht, mit jedem Besucher einzeln zu reden, da man sich dem einzelnen gegenüber besser über seine Liebe aussprechen und wiederholen kann. (T 30)
12.1.1911 12. Januar. Ich habe vieles in diesen Tagen über mich nicht aufgeschrieben, teils aus Faulheit (ich schlafe jetzt so viel und fest bei Tag, ich habe während des Schlafes ein größeres Gewicht), teils aber auch aus Angst, meine Selbsterkenntnis zu verraten [...] (T 30)
17.1.1911 17. Januar. Max hat mir den ersten Akt des "Abschieds von der Jugend" vorgelesen. (T 31)
19.1.1911 19. Januar. Ich werde, da ich von Grund aus fertig zu sein scheine - im letzten Jahr bin ich nicht mehr als fünf Minuten langaufgewacht - jeden Tag entweder mich von der Erde wegwünschen müssen oder aber, ohne daß ich darin auch die mäßigste Hoffnung sehen dürfte, von vorn als kleines Kind anfangen müssen. (T 31)
27.1.1911 An Max Brod (Br 87, KBB 89)
31.1.1911 Tagebuch einer Reise nach Friedland und Reichenberg
Januar, Februar 1911 (T 433-438)
1.2.1911 An Max Brod (Br 87, KBB 89)
[Ansichtskarte (Friedland i. B., Schloß)]
[Stempel: Friedland, 1.2.11]
2.2.1911 An Max Brod (KBB 89)
Gallas'sches Schloß
[Stempel: Friedland, 2.2.11]
4.2.1911 Friedland i. B.: Ansichtspostkarte an Elli und Karl Hermann
4.2.1911 1911, 2. Februarwoche, Friedland i. B.: Ansichtspostkarte an Ottla Kafka
19.2.1911 19. Februar. Wie ich heute aus dem Bett steigen wollte, bin ich einfach zusammengeklappt. (T 32)
19.2.1911 19. Februar. Die besondere Art meiner Inspiration, in der ich Glücklichster und Unglücklichster jetzt um zwei Uhr nachts schlafen gehe (sie wird vielleicht, wenn ich nur den Gedanken daran ertrage, bleiben, denn sie ist höher als alle früheren). ist die, daß ich alles ertragen kann, nicht nur auf eine bestimmte Arbeithin. (T 33)
20.2.1911 20. Februar. Mella Mars in der "Lucerna". (T 33)
21.2.1911 21. Februar. Mein Leben hier ist so, als wäre ich eines zweiten Lebens ganz gewiß, so wie ich zum Beispiel den mißlungenen Aufenthalt in Paris im Hinblick darauf verschmerze, daß ich danach streben werde, bald wieder hinzukommen. (T 34)
25.2.1911 Kratzau: Ansichtspostkarte an Ottla Kafka
25.2.1911 An Oskar Baum (Br 87)
25.2.1911 An Max Brod (Br 88, KBB 90)
[Ansichtskarte. Grottau, Stempel: 25.II.1911]
26.2.1911 An Sophie Brod (Br 88, KBB 90)
[Ansichtskarte (Vegetarisches Speisehaus "Thalysia", Reichenberg). Stempel: Reichenberg, 26.2.11]
2.3.1911 An Max Brod (Br 88, KBB 91)
5.3.1911 An Max Brod (Br 89, KBB 91)
6.3.1911 An Max Brod (Br 93, KBB 92)
[KBB: vermutlich Anfang März 1911. Br: vermutlich Anfang 1912]
9.3.1911 9. März. Das war aber nur Müdigkeit, heute aber neuer, den Schweiß aus der Stirn treibender Angriff. (T 422)
26.3.1911 26. März. Theosophische Vorträge des Dr. Rudolf Steiner, Berlin. (T 40)
28.3.1911 28. März. Maler P.-Karlin, seine Frau, zwei breite große Vorderzähne oben, die das große, eher flache Gesicht zuspitzen, Frau Hofrat B., Mutter des Komponisten, der das Alter ihr starkes Knochengerüst so hervortreibt, daß sie zumindest im Sitzen wie ein Mann aussieht. (T 42)
23.4.1911 Zittau: An Max Brod (Br 89, KBB 92)
2.5.1911 Warnsdorf: Ansichtspostkarte an Ottla Kafka
13.5.1911 An den Vorstand der Anstalt (AS 141)
27.5.1911 27. Mai. Du hast heute Geburtstag, aber ich schicke dir nicht einmal das gewöhnliche Buch, denn es wäre nur Schein; im Grunde bin ich doch nicht einmal imstande, dir ein Buch zu schenken. (T 45)
27.5.1911 An Max Brod (Br 89, KBB 92)
15.8.1911 15. August. Die Zeit, die jetzt verlaufen ist und in der ich kein Wort geschrieben habe, ist für mich deshalb so wichtig gewesen, weil auf den Schwimmschulen in Prag, Königsaal und Czernoschitz aufgehört habe, für meinen Körper mich zu schämen. (T 45)
20.8.1911 20. August. Ich habe den unglücklichen Glauben, daß ich nicht zur geringsten guten Arbeit Zeit habe, denn ich habe wirklich nicht Zeit für eine Geschichte, mich in alle Weltrichtungen auszubreiten, wie ich es müßte. (T 46)
24.8.1911 24. August. Mit Bekannten an einem Kaffehaustisch im Freien sitzen und eine Frau am Nebentisch ansehn, die gerade gekommen ist, schwer unter großen Brüsten atmet und mit erhitztem, bräunlich glänzendem Gesicht sich setzt. (T 46)
26.8.1911 26. August. Morgen soll ich nach Italien fahren. (T 47)
26.8.1911 Abfahrt 26. August 1911. Mittag. (T 439)
28.8.1911 Montag 28. August. Mann in hohen Stiefeln frühstückt an der Wand (T 444)
29.8.1911 Flüelen: Ansichtspostkarte an Ottla Kafka
29.8.1911 Dienstag 29. August. Dieses schöne Zimmer mit Balkon. (T 445)
30.8.1911 Lugano: Ansichtspostkarte an Ottla und Valli Kafka
30.8.1911 30. August. Von vier Uhr bis elf Uhr nachts mit Max an einem Tisch, zuerst im Garten, dann im Lesezimmer, dann in meinem Zimmer. Vormittag war Bad, Post.
31.8.1911 31. August. Urzeigerhaftes Auftauchen der Schneeberge auf dem Rigi.
1.9.1911 Freitag 1. September. Abfahrt zehn Uhr fünf von Place Guglielmo Tell. (T 446)
2.9.1911 2. September. Samstag. Zittern des Gesichts im kleinen Dampfer. (T 447)
3.9.1911 3. September. Sonntag. Ein Deutscher mit Goldzahn, an dem sich sein Beschreiber auch bei sonstiger Unklarheit des Eindrucks festhalten kann, bekommt um dreiviertelzwölf noch eine Eintrittskarte in die Schwimmanstalt, trotzdem sie um zwölf gesperrt wird, worauf ihn gleich im Immern der Schwimmeister in unverständlichem, daher etwas strengem Italienisch aufmerksam macht. (T 448)
4.9.1911 4. September. Cholera-Informationen: Verkehrsbureau, "Corriere della Sera", Norddeutscher Lloyd, "Berliner Tagblatt", Stubenmädchen bringt Informationen eines Berliner Arztes, je nach der Gruppierung und dem eigenen körperlichen Zustand ändert sich der durchschnittliche Charakter dieser Nachrichten, bei der Abfahrt von Lugano nach Proto Ceresio, ein Uhr fünf, ist er ziemlich günstig. (T 448)
5.9.1911 5. September. Banca Commerciale auf dem Scalaplatz. (T 452)
6.9.1911 Stresa: Ansichtspostkarte an Ottla Kafka
6.9.1911 Mittwoch 6. September. Böswerden, abends Erfindungen von Hotels.
7.9.1911 Donnerstag, 7. September. Bad, Briefe, Abfahrt. - Schlaf in der öffentlichkeit.
8.9.1911 Freitag, 8. September. Reise. Italienerpaar, angeblich Frau Salus. (T 453)
11.9.1911 Paris: Reisetagebuch (Automobilgeschichte)
13.9.1911 Paris: Ansichtspostkarte an Ottla Kafka
17.9.1911 Erlenbach: An Max Brod (Br 89, KBB 93)
19.9.1911 Erlenbach: An Oskar Baum (Br 92)
26.9.1911 26. September. Der Zeichner Kubin empfiehlt als Abführmittel Regulin, eine zerstampfte Alge, die im Darm aufquillt, ihn zum Zittern bringt, also mechanisch wirkt, zum Unterschied von der ungesunden, chemischen Wirkung anderer Abführmittel, die bloß den Kot durchreißen, ihn also an den Darmwänden hängenlassen. (T 50)
27.9.1911 27. September. Gestern auf dem Wenzelsplatz zwei Mädchen begegnet, zu lange den Blick auf einer gehalten, während gerade die andere, wie sich später zeigte, einen häuslich weichen, braunen, faltigen, weiten, vorn ein wenig offenen Mantel trug, zarten Hals und zarte Nase hatte, das Haar war in einer schon vergessenen Weise schön. (T 51)
29.9.1911 29. September. Goethes Tagebücher (T 52)
30.9.1911 30. September. Das Mädchen im Nebenzimmer vorgestern (H. H.). (T 53)
1.10.1911 1. Oktober. Alt-Neu-Synagoge gestern. (T 54)
2.10.1911 2. Oktober. Schlaflose Nacht. (T 56)
3.10.1911 3. Oktober. Die gleiche Nacht, nur noch schwerer eingeschlafen. (T 57)
4.10.1911 4. Oktober. Ich bin unruhig und giftig. (T 58)
5.10.1911 5. Oktober. Zum erstenmal seit einigen Tagen wieder Unruhe, selbst vor diesem Schreiben. (T 60)
6.10.1911 6. Oktober. Die zwei alten Männer vorn bei dem langen Tisch an der Bühne (T 62)
9.10.1911 9. Oktober. Sollte ich des vierzigste Lebensjahr erreichen, so werde ich wahrscheinlich ein altes Mädchen mit vorstehenden, etwas von der Oberlippe entblößten Oberzähnen heiraten. (T 67)
10.10.1911 10. Oktober. Einen sophistischen Artikel für und gegen die Anstalt in die "Tetschen-Bodenbacher Zeitung" geschrieben. (T 69)
12.10.1911 An Max Brod (Br 92, KBB 96)
12.10.1911 12. Oktober. Gestern bei Max am Pariser Tagebuch geschrieben. (T 70)
13.10.1911 13. Oktober. Kunstloser übergang von der gespannten Haut der Glatze meines Chefs zu den zarten Falten seiner Stirn. (T 70)
14.10.1911 14. Oktober. Gestern abend im Savoy "Sulamith" von A. Goldfaden. (T 73)
16.10.1911 16. Oktober. Anstrengender Sonntag gestern. (T 75)
17.10.1911 17. Oktober. Nichts bringe ich fertig, weil ich keine Zeit habe und es in mir so drängt. (T 77)
20.10.1911 20. Oktober. Den 18. bei Max; über Paris geschrieben. (T 77)
21.10.1911 21. Oktober. Ein Gegenbeispiel: Meinem Chef kann ich, wenn er mit mir Bureauangelegenheiten berät (heute die Kartothek), nicht lange in die Augen schauen, ohne daß in meinen Blick gegen allen meinen Willen eine leichte Bitterkeit kommt, die entweder meinen oder seinen Blick abdrängt. (T 81)
22.10.1911 22. Oktober. Gestern bei den Juden "Kol Nidre" von Scharkansky,ziemlich schlechtes Stück mit einer guten witzigen Briefschreibeszene, einem Gebet der nebeneinander mit gefalteten Händen aufrecht stehenden Liebenden, dem Anlehnen des bekehrten Großinqisitors an den Vorhang der Bundeslade, er steigt die Stufe hinauf und bleibt dort, den Kopf geneigt, die Lippen am Vorhang stehn, hält das Gebetbuch vor seine klappernden Zähne. (T 82)
23.10.1911 23. Oktober. Die Schauspieler überzeugen mich durch ihre Gegenwart immer wieder zu meinem Schrecken, daß das meiste, was ich bisher über sie aufgeschrieben habe, falsch ist. (T 84)
24.10.1911 24. Oktober. Die Mutter arbeitet den ganzen Tag, ist lustig und traurig, wie es kommt, ohne mit eigenen Zuständen im geringsten in Anspruch zu nehmen, ihre Stimme ist hell, zu laut für das gewöhnliche Sprechen, aber wohltätig, wenn man traurig ist und nach einiger Zeit plötzlich sie hört. (T 85)
26.10.1911 26. Oktober. Donnerstag. Gestern hat Löwy den ganzen Nachmittag "Gott, Mensch, Teufel" von Gordin und dann aus seinen eigenen Tagebüchern von Paris vorgelesen. (T 86)
27.10.1911 27. Oktober. Löwys Erzählungen und Tagebücher: wie ihn Notre Dame erschreckt, wie ihn der Tiger im Jardin des Plantes ergreift. als eine Darstellung des Verzweifelten und Hoffenden, der Verzweiflung und Hoffnung im Fraße sättigt; wie ihn sein frommer Vater in der Vorstellung befragt, ob er nun Samstagspazieren könne, ob er jetzt moderne Bücher zu lesen Zeit habe, ob er an den Fasttagen essen dürfe, während er doch am Samstag arbeiten muß, überhaupt keine Zeit hat und mehr fastet, als je eine Religion vorgeschrieben hat. (T 89)
28.10.1911 28. Oktober. Ein ähnliches Gefühl hatte ich zwar, aber vollkommen schien mir an jenem Abend bei weitem weder Spiel noch Stück. (T 90)
30.10.1911 30. Oktober. Dieses Verlangen, das ich fast immer habe, wenn ich einmal meinen Magen gesund fühle, Vorstellungen von schrecklichen Wagnissen von Speisen in mir zu häufen. (T 95)
31.10.1911 31. Oktober. Trotzdem ich heute im Fischerschen Katalog, im "Insel-Almanach", in der "Rundschau" hie und da gelesen habe, bin ich mir jetzt dessen ziemlich bewußt, alles entweder fest in mich aufgenommen zu haben oder zwar flüchtig, aber unter Abwehr jederSchädigung. (T 96)
1.11.1911 1. November. Heute "Geschichte des Judentums" von Graetz gierig und glücklich zu lesen angefangen. (T 98)
2.11.1911 2. November. Heute früh zum erstenmal seit langer Zeit wieder die Freude an der Vorstellung eines in meinem Herzen gedrehten Messers. (T 101)
3.11.1911 3. November. Um zu beweisen, daß beides falsch war, was ich aufgeschrieben hatte, ein Beweis, der fast unmöglich scheint, kam löwy gestern am Abend selbst und unterbrach mich im Schreiben. (T 102)
5.11.1911 Prag: Tagebuchnotizen
7.11.1911 7. November. Dienstag. Gestern sind die Schauspieler mit Frau Tschissik endgültig weggefahren. (T 107)
8.11.1911 8. November. Den ganzen Nachmittag beim Doktor (Advokat) wegen der Fabrik. (T 110)
11.11.1911 11. November. Samstag. Gestern den ganzen Nachmittag bei Max. (T 113)
12.11.1911 12. November. Sonntag. Gestern Confer‚nce Richepin: "La l‚gende de Napol‚on" im Rudolfinum. (T 115)
14.11.1911 14. November. Dienstag. Gestern bei Max, der von seiner Brünner Vorlesung zurückkam. (T 117)
15.11.1911 15. November. Gestern abend schom mit einem Vorgefühl die Decke vom Bett gezogen, mich gelegt und wieder aller meiner Fähigkeiten bewußt geworden, als hielte ich sie in der Hand; sie spannten mir die Brust, sie entflammten mir den Kopf, ein Weilchen wiederholte ich, um mich darüber zu trösten, daß ich nicht aufstand, um zu arbeiten: "Das kann nicht gesund sein, das kann nicht gesund sein", und wollte den Schlaf mit fast sichtbarer Absicht mir über den Kopf ziehn. (T 118)
16.11.1911 16. November. Heute mittag vor dem Einschlafen, ich schlief aber gar nicht ein, lag auf mir der Oberkörper einer Frau aus Wachs. (T 119)
18.11.1911 18. November. Gestern in der Fabrik. (T 119)
19.11.1911 19. November. Sonntag. Traum: Im Theater. Vorstellung "Das weite Land" von Schnitzler, bearbeitet von Utitz. (T 120)
20.11.1911 20. November. Traum eines Bildes, angeblich von Ingres. (T 123)
21.11.1911 21. November. Mein gewesenes Kinderfräulein, die im Gesicht schwarzgelbe, mit kantigem Nasenrand und einer mir damals so lieben Warze irgendwo auf der Wange, war heute zum zweitenmal in kurzer Zeit bei uns, um mich zu sehen. (T 125)
23.11.1911 23. November. Am 21., dem hundertsten Todestag Kleists, ließ die Familie Kleist einen Kranz auf sein Grab legen mit der Aufschrift: "Dem Besten ihres Geschlechts." (T 127)
24.11.1911 24. November. "Schhite" (der, welcher die Schächterkunst lernt). (T 127)
25.11.1911 25. November. Den ganzen Nachmittag im Caf‚ City M. überredet, eine Erklärung zu unterschreiben, daß er nur Kommis bei uns war, also nicht versicherungspflichtig, und der Vater nicht verpflichtet wäre, die große Nachtragszahlung für seine Versicherung zu leisten. (T 128)
27.11.1911 An den Vorstand der Anstalt (AS 142)
30.11.1911 30 November. Drei Tage lang nichts geschrieben.
3.12.1911 3. Dezember. Ich habe jetzt ein Stück in Schäfers "Karl Staufers Lebensgang, eine Chronik der Leidenschaft" gelesen und bin von diesem großen, in mein nur in Augenblicke erhorchtes Innere dringenden Eindruck so befangen und festgehalten, dabei aber durch das von meinem verdorbenen Magen mir auferlegte Hungern und durch die übliche Aufregung des freien Sonntags so ins Weite getrieben, daß ich es ebenso schreiben muß, wie man sich bei äußerer, durchäußeres erzwungener Aufregung nur durch Fuchteln mit den Armen helfen kann. (T 132)
8.12.1911 8. Dezember. Freitag, lange nicht geschrieben, nur war es diesmal doch halbwegs aus Zufriedenheit, da ich das erste Kapitel von "Richard und Samuel" selbst beendet habe und besonders die anfängliche Beschreibung des Schlafes im Coup‚ als gelungen ansehe. (T 133)
9.12.1911 9. Dezember. Stauffer-Bern: "Die Süßigkeit der Produktion täuscht über ihren absoluten Wert hinweg." (T 136)
10.12.1911 10. Dezember. Sonntag. Ich muß meine Schwester besuchen gehn und ihren kleinen Jungen. (T 137)
13.12.1911 13. Dezember. Aus Müdigkeit nicht geschrieben und abwechselnd auf dem Kanapee im warmen und im kalten Zimmer gelegen, mit kranken Beinen und ekelhaften Träumen. (T 138)
14.12.1911 14. Dezember. Mein Vater machte mir mittags Vorwürfe, weil ich mich nicht um die Fabrik kümmere. (T 140)
16.12.1911 16. Dezember. Sonntag zwölf Uhr mittags.Den Vormittag vertrödelt mit Schlafen und Zeitunglesen. (T 141)
18.12.1911 18. Dezember. Vorgestern "Hippodamie". Elendes Stück. (T 143)
19.12.1911 19. Dezember. Gestern "Davids Geige" von Lateiner. (T 144)
23.12.1911 Prag: Tagebuchnotizen
24.12.1911 24. Dezember. Sonntag. Gestern war es lustig bei Baum. (T 149)
25.12.1911 25. Dezember. Was ich durch Löwy von der gegenwärtigen jüdischen Literatur in Warschau und was ich durch teilweise eigenen Einblick von der gegenwärtigen tschechischen Literatur erkenne, deutet darauf hin, daß viele Vorteile der literarischen Arbeit - die Bewegung der Geister, das einheitliche Zusammenhalten des im äußeren Leben of untätigen und immer sich zersplitternden nationalen Bewußtseins, der Stolz und der Rückhalt, den die Nation durch ein Literatur für sich und gegenüber der feindlichen Umwelt erhält, dieses Tagebuchführen einer Nation, das etwas ganz anderes ist als Geschichtsschreibung, und als Folge dessen eine schnellere und doch immer vielseitig überprüfte Entwicklung, die detaillierte Vergeistigung des großflächigen öffentlichen Lebens, die Bindung unzufriedener Elemente, die hier, wo Schaden nur durch Lässigkeit entstehen kann, sofort nützen, die durch das Getriebe der Zeitschriften sich bildende, immer auf das Ganze angewiesene Gliederung des Volkes, die Einschränkung der Aufmerksamkeit der Nation auf ihren eigenen Kreis und die Aufnahme des Fremden nur in der Spiegelung, das Entstehen der Achtung vor literarisch tätigen Personen, die vorübergehende, aber nachwirkende Erweckung höheren Strebens unter den Heranwachsenden, die übernahme literarischer Vorkommnisse in die politischen Sorgen, die Veredlung und Besprechungsmöglichkeit des Gegensatzes zwischen Vätern und Söhnen, die Darbietung der nationalen Fehler in einer zwar besonders schmerzlichen, aber verzeihungswürdigen und befreienden Weise, das Entstehen eines lebhaften und deshalb selbstbewußten Buchhandels und der Gier nach Büchern - alle diese Wirkungen können schon durch eine Literatur hervorgebracht werden, die sich in einer tatsächlich zwar nicht ungewöhnlichen Breite entwickelt, aber infolge des Mangels bedeutender Talente diesen Anschein hat. (T 151)
26.12.1911 26. Dezember. Wieder schlecht geschlafen, schon die dritte Nacht. (T 156)
27.12.1911 27. Dezember. Ein unglücklicher Mensch, der kein Kind haben soll, ist in sein Unglück schrecklich eingeschlossen. (T 158)
28.12.1911 28. Dezember. Die Qual, die mir die Fabrik macht. (T 159)
29.12.1911 29. Dezember. Jene lebendigen Stellen bei Goethe. (T 159)
30.12.1911 30. Dezember. Mein Nachahmungstrieb hat nichts Schauspielerisches, es fehlt ihm vor allem die Einheitlichkeit. (T 160)
31.12.1911 31. Dezember. Gerade weil seine Fähigkeiten so begrenzt sind, fürchtet er sich, weniger zu tun als alles. (T 161)

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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