Julia Wirt
Durch Franz Kafka inspirierte Texte
Die Taube
 
                     
 
 

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Es roh nach frischem Brot und die Straßenlaternen hatten ihre Nachtschicht hinter sich.

Ich kaufte ihr vier Brötchen und ging weiter. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, daß es schon viel später war, als ich geglaubt hatte. Ich mußte mich sehr beeilen, ich fürchtete, daß sie schon wach ist, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus aber diesen weg kannte ich doch schon auswendig, und mit jedem weiteren Schritt wußte ich, was auf mich zukommt. Ich hatte immer wieder gedacht, daß ich niemals zu spät kommen würde, ich hoffte immer daß sie noch da ist und nirgendwo anders, nur an dem Tag hatte ich Angst und pessimistische Gedanken. Glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg.

"Sagen Sie mir, wo ist die Taube, haben Sie die gesehen?"

"Wo ist sie denn, ich dachte, sie ist noch da auf dem Dach. Sagen Sie, in welche Richtung soll ich gehen, um sie zu finden?" Ich fühlte plötzlich, daß ich meinen Verstand verliere und fing an zu weinen. Er lächelte und sagte: "Von mir willst du den Weg erfahren?" "Ja", sagte ich, "da ich ihn selbst nicht finden kann. "Du stehst hier jeden Morgen und beobachtest alles, sag mir wo ist sie jetzt?"

"Wo finde ich sie? Und wissen sie was, es ist nicht die richtige Zeit zum Lachen."

"Gibs auf, gibs auf" sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

Ich fiel auf den Rücken vor Enttäuschung, sah den blauen Himmel und fing an zu lachen.

"Wozu aufgeben, da war sie doch!"

 
 
          
Letzte Aktualisierung: 07.03.2012
          
   
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